Fünferlei Etüden für den Rand bewohnbarer Welten

 

I

Josefstal ist,

wo Bäume beten,

Krähen kreischen und Jugendliche auf Kinderspielplätzen,

doch auf dem Flur, da ziehen sie die Schuhe aus – heiliger Boden?

Josefstal ist,

auf den Gipfeln den Schnee zu sehen und gleichzeitig unten das Tanktop herauszuholen,

wo Bäche und Blätter rauschen und Busse Dich direkt bis vor die Haustür fahren.

Ich aber,

ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

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II

Josefs Tal ist,

wo Du die Kleinste bist,

obwohl Du doch gar nichts dafür kannst und trotzdem alle neidisch sind,

weil du ja, ach, immer die schönsten Kleider bekommst,

Neues, was nicht abgetragen werden muss, von all den großen Brüdern,

alle neidisch sind,

weil Du tanzen kannst, oder auf Bühnen reden, oder schlaue Sachen sagen, in die Ferne mit dem Rad fährst, oder es dich einfach traust, auch mal ‚Nein‘ zu sagen, auf dem 10-Meter-Turm.

Du kannst ja gar nichts dafür und landest doch ganz unten: Josefs Tal, hinabgestoßen, in diesen fiesen Brunnen mit Mauern ohne Halt, dort unten: Schlamm, muffig, kalt, kaum Licht. Finsteres Tal und Du fürchtest Unglück. Denn Du weißt gar nicht wie und vor allem auch nicht warum. Weit, weit, weit hebst Du Deine Augen, um zu den Bergen aufzusehen.

 

III

Josefs Tal-ent ist das Zimmern: Haus gebaut, alles Eigenleistung, Heimat. Endlich. Welt geordnet.

Und bald soll geheiratet werden, Maria.

Wenn doch mal alles wäre, wie man so sagt, wie es sein soll. Geordnete Verhältnisse.

Und dann das: ein Kind. Das Kind eines Anderen.

Zu einer Nacht hätte er ja vielleicht nichts gesagt. Aber dann war da ja noch die Sache mit dem Engel und Gott und so und was soll man denn da dazu eigentlich noch sagen?

Josefs Tal: Ruf ruiniert. Nix mehr mit ehrbarem Handwerk.
Und keiner hebt seine Augen auf zu den Bergen. Nein, Gott, bleib mir nur fort! Das mit dem Engel in den eigenen vier Wänden war wirklich mehr als genug.

 

IV

Josefstal – Zuhause auf Zeit für uns. Zwischenstopp am Rande des bewohnbaren Bayern. Ein paar Schritte bergauf, dem entgegen, woher Du Hilfe erwartest.

Josefstal – wo Badezimmer Duschkabine heißen, Duschkabine Nizza und aus Delmenhorst stammen.

Dem Delmenhorst, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren und man überhaupt noch Postleitzahlen brauchte, weil man überhaupt noch Briefe schrieb.

 

Eine ferne Welt,

gefühlt doch fast so fern wie Josef aus Nazareth, der aus Bethlehem, der Stadt Davids, stammte, und wie Josef, der mit den vielen großen Brüdern, den es nach Ägypten verschlug, doch Gott –

 

Er gedachte es wohl zu machen, all diesen Menschen zwischen all diesen Welten wie wir.

Und wir träumen: in Delmenhorst von Nizza und in Josefstal von München und in Nürnberg von Lyon und – – –

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V

Plagiat ist auch nur ein Anagramm für Tal. Fast wenigstens. (Angelehntes Texten – ich erinnere nur mal dran…)

 

Quelle A – Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit, Haus B, Untergeschoss, rechts neben Zimmer 01:

 

„Was allen gut tut: Üben Sie! Unterlassen Sie! Benützen (benützen??) Sie! Zu Ihrer Sicherheit. Die Missachtung kann zu kostenpflichtigem Einsatz von Rettungskräften führen.“

 

Quelle B – Mündliche Unterweisung:

 

„Denkt an die Kinder. Rauchen nur zwischen Brücke und Straße. Auf der einen Seite Kinder, auf der anderen Seite Autos.“ Du hast die Wahl.

 

Beobachtung, notiert am 7. Mai 2018, 22.30-22.45h: keine Autos, keine Kinder.

 

Letzte Quelle – Duschkabine Nizza:

 

„Zigaretten bitte nur hier ablegen! Cigarettes only here please! Cigarette seulement ici s’il vous plait!“

 

Nizza-Orte: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf.

 

Epilog

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt. Nicht, weil es Pflicht wäre, sondern weil der Krieg lehrte, dass es diesen Ort braucht: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf, anderswo. Die Täler. Die Klagen aus den tiefsten Brunnen, aus Schlamm und Muff und dieser verfluchte Neid, das heimliche Staunen über spielende Halbwüchsige und die Augen, die die Berge suchen, zu denen sie aufsehen können.

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt, die Josefstaler, weil sie dem trauen und ahnen, dass Gott es gut macht.

Nizza-Orte, wo Bäume beten und Krähen kreischen und endlich Heimat ist und Du alles ablegen kannst und Gott es gut macht.

 

Die Alten sagten dazu: Versöhnung. Reconciliation. La réconciliation.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Josefstal, Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit)

 

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