Weiteres Verzeichnis einiger Verluste, unscharf.

 

Aus dem großen Resonanzfeld der WinterWortWerkstatt 2019

Hanau, 26. Januar 2019

 

Vom Rest des Hauses durch eine Brandschutztür getrennt. Kleine Kinderhände müssen ganz fest drücken, schon so, dass die Fingerknöchel hervorschauen, damit sich was bewegt. Über den Widerstand hinaus, und Du wirst mit einem Quietschen belohnt. Der Kessel in Viessmann-orange (RAL 2001), obenauf eine Rußschicht, verschmiert eingebrannt, aber wer reckt den Hals schon so weit, um das zu sehen. Kalte Kacheln, graumeliert, und eine eigentümliche Wärme, fast mit Händen zu greifen. Die zähflüssig-thixotrop anmutet und sich mit jener Kälte verbindet, die die Tiefdrucklagen des deutschen Mittelgebirges zwischen die Häuser drückt.

Fenster jedenfalls beschlagen von innen und tauchen die Welt draußen in ein unscharfes, graues Licht.

Nirgends sind die Dinge klarer als zwischen allen Dingen.

Dort, wo die Funktionalitäten sich ihrer Reste entkleiden, sammeln sich die, die dem Takt trotzen, den entschlossenen Schritten und runden Geburtstagen mit angeschlagenem Goldrandgeschirr.

 

Sie ist eine kleine Dame. Während andere schimpfen und nichts erklären, erklärte sie alles und schimpfte nie. Also, so „Alles“ und „Nie“, wie man das halt so sagt und Ihr-wisst-schon-wie meint. Und sie und ich kauern auf kalten Kacheln, angelehnt am viessmann-orangenen Heizkessel, jenseits der wirklich bewohnten Welt und dem Gelächter an der Kaffeetafel voller Sahnetorten und Uromas Nusskuchen, wo ich das Nesthäkchen mit dunkelblauem Faltenrock und Puffärmelblüschen bin.

Überhaupt, wenn der immerwährende Kalender in der Küche das Feiern von Festen anordnet, puzzeln sich auf wunderbare Weise alle Möbel zu  einer einzigen, langen Tafel zusammen, deren Kanten und Unebenheiten nahezu mühelos kaschiert sind mit den Leinentischtüchern, die ihren wenigen großen Auftritten in einer schweren hölzernen Aussteuertruhe in der Diele entgegenfiebern.

 

Die kleine Dame, meine Oma, ist einfach durch zu viel Leben gegangen, um an all diese Spiele zu glauben. Ich verstehe wenig und ahne viel. So sitzen wir da, die Füße sind kalt und das Herz ist warm, indirekte Hitze direkt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, weht der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und Süße von Wurstsuppe zu uns. Und die wenigen Worten an der Grenze zu einer ahnungsvollen Wirklichkeit sind wie Schuhlöffel, die verhindern, dass das Leben sich vor der Zeit abnutzt. Graumelierte Kachelvorsprünge werden zur Bettkante, auf der die Geschichten erzählt werden, irgendwie auf dem Absprung dorthin, wo die Träume zählen.

 

Und an den langen Kaffeetafeln derweil die, die man oft bei- und dabei stets nebeneinander sieht. Hier wie beim Spazieren durchs Viertel oder Zeitunglesen. Nie sehen sie sich an, tauschen weder Worte noch Gesten. Also, diese Worte und Gesten, die mehr sind als Bewegungen und Laute. Schulter an Gewohnheit und Gewohnheit an Schulter vergeht die Zeit und sie gehen sich nichts weiter an als nötig ist für diese Nächte, in denen sich die Kälte von den Füßen ins Herz schleichen will.

 

Draußen hingegen brauchst Du heute den Mantel und dieses eigentümliche Zwischendrinnen, am Hotspot der Stadt, wo es den besten Kaffee gibt und Mantelständer Kratzer an der Wand hinterlassen und der Blick aus dem Fenster solche an der eigenen Moral.  Und freundliche Begrüßungen sind wie Leinentischtücher, die Kanten und Unebenheiten fast mühelos kaschieren, damit man einander bekannt bleibt als die, die tatsächlich noch Zeitungen lesen und sich und einander die Hände an dem Traum wärmen, man könne die Welt mit immer neuen Theorien beschreiben und verstehen.

 

Once in a while ist da etwas eingerichtet und du bist da, ohne dich wirklich niederzulassen. Flanierend zwischen Orten, die zähflüssig-thixotrop Wärme aus verborgenen Wänden pusten, vorgebend, echt zu sein. Und manchmal bleibst Du auch über Nacht. Und noch eine und noch eine. Die Tage werden zwar unterschieden, doch Nacht sei gleich, behauptet die Literatur [Elias Canetti, Provinz des Menschen].

 

Doch zurück ins Mittelgebirge und den Tiefdruckgebieten. Sie jedenfalls blieb dort. Sie ahnte nichts von den wenigen Worten in viesmann-orangener Kontur und den Unschärfen, die ein Blick durch von innen beschlagene Fenster erzeugt. Ihr war die Ordnung das Geheimnis des Puzzles und sie stimmte eben ein. Sie bügelte die Leinentischtücher, schlug die Sahne und putze Kondenswasser von den Fenstern.  So hatte sie das gelernt, in der Kinderlandverschickung, weil es in der Stadt zu gefährlich war. Die Gefahr hatten übrigens die gebracht, die jetzt die Kinder verschicken ließen.

 

Sie ihrerseits zog den Kindern dunkelblaue Faltenröcke an und Puffärmelblüschen. Eingebrannten Rußschichten sagte sie den Kampf an, auch denen, die fast keiner sieht und nach denen Du den Hals recken musst.

 

Sie kochte Wurstsuppe und Bohnenkaffee und werktäglich zuverlässig öffnete sie den Pultdeckel des Sekretärs mit einem kleinen Messingschlüssel als Ritual einer Welt, die immer eine Nummer zu groß ist und in der alles seinen Platz hat. Ein Leben mit drei Schubfächern, im Aufsatz Sortierfächer, kleine Schublädchen, Aussparungen für Tinte, Papier, Briefe und die viktorianische Kuppeluhr, die alle Dinge in 15-Minuten-Takte teilt.  Gold und Bewegung und Klingelklang unter einer Glaskuppel, von irgendeiner Hand gefertigt, und keiner weiß wie. Zuverlässige Bewegungen drinnen und draußen.

 

„Ist das eigentlich eine Krankheit, dass Mama nicht aus ihren Abläufen rauskommt? Merkt sie das überhaupt? Ich gucke sie nur an.“ [Alexa Hennig von Lange, Kampfsterne]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt.

 

Wer erkrankt, verliert Schritt für Schritt seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten. Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und praktisches Geschick verschlechtern sich kontinuierlich. [flarft]

 

Die Angst davor, in wenigen Jahren ohne Erinnerungskultur auskommen zu müssen, darf nicht zu Inszenierungen führen, die eine Begegnung nur vorgaukeln. [FR vom 26.01.2019]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt. Ich habe kalte Füße und ein warmes Herz, indirekt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, dann muss sie ganz fest drücken, bis die Fingerknöchel hervorschauen. Es kommt der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und die Süße von Wurstsuppe und Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern. Und ich ahne eine Wirklichkeit voller Bilder in sepia-viessmann-orange, die neben meiner steht. Und sie tauschen weder Worte noch Gesten, wohl aber Kaffee in angeschlagenem Goldrandgeschirr.

Und ich, ich beantworte Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern und erkläre nichts.

 

 

 

 

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