Religiös unbekannt. Zur „Göttinger Jesusfigur“

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 

18. Februar 2019

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Man glaubt ihr nicht. Natürlich nicht.

In unserer religiös wohltemperierten Gegend ist Erweckung dieser Couleur etwas eher Fremdes.

In der öffentlichen Welt ist Religion diskret.

In einer Bildungseinrichtung zählen in guter Tradition vor allem die besseren Argumente, um gesprächsfähig zu sein.

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Jetzt schon eindringlich, nachdrücklich.

Es ist bereits dunkel, an diesem Abend. Sie geht durch einen Stadtpark, wie ihn so viele Städte haben, vor oder nach der Arbeit, vielleicht mit Hund. Vermutlich auf immer wieder gegangenen Wegen. Man könnte es Alltag nennen.

Sie findet Jesus. Lebensgroß, auf einer Parkbank liegend. So eine Parkbank, auf die zumindest ich mich nur notfalls setzen würde. Ein bisschen im Eck, mit nassem Laub und Resten von Zigaretten und Chipstüten zwischen den Streben, mit Graffiti besprüht. Und abends immer leicht feucht, es muss kalt sein.

Jesus auf der kalten Parkbank. Goldfarben, wäre es Tag, würden Dich die Reflektionen blenden. Und zugleich ein bisschen ramponiert, ein Arm ist ab. Dornenkrone und Lendenschurz, zu leicht bekleidet für Anfang Februar in Göttingen. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht anfange mit zu frieren. Mit Jesus, in diesen Zeiten.

Ein Kulturzentrum hatte den als Requisite verwendeten Corpus Christi weggeworfen, Unbekannte hatten ihn aus einem Altmetall-Container entwendet und auf die Parkbank in der Nähe des Leineufers gelegt.

 

Das kulturelle Christentum in Deutschland ist stabil. Es trägt auch zur Stabilität unserer Kirche bei. Und doch macht es mich mindestens nervös, wenn die sichtbaren Dinge unseres Glaubens nur Requisite sind. Die eben noch nützlich sind, dann aber im Weg stehen.

Und dann sind da die Unbekannten. Sie machen irgendetwas mit den religiösen Dingen und ich weiß nicht wie und warum und doch erkennen sie irgendetwas: Sie legen Jesus auf eine Parkbank. Soll das humorvoll sein? Oder provokant? Oder fürsorglich? Ist es eine hilflose Geste? Meinten sie, ein paar Euro damit zu verdienen und jetzt ist sie doch zu schwer?

Und bin ich etwa abergläubisch, wenn ich jetzt am liebsten zum Auto zurückgehen würde, um ihn wenigstens behelfsmäßig in eine Decke einzuwickeln?

Und dann ist da die, die abends ihrer Wege geht. Nach der Arbeit oder vor der Arbeit, mit oder ohne Hund. Sie findet Jesus. Und niemand will ihr glauben.

Das ist kein Argument. Mit Religion haben wir es nicht so. So glaubt man hier nicht.

 

Die Polizei ist Freund und Helfer und kommt dann doch, obwohl sie kein Wort glaubt. Jesus wird erstmal in Gewahrsam genommen.

Verwaltungsgericht Köln, 20. November 2014: „Der Vorgang wird als Ingewahrsamnahme bezeichnet und begründet ein mit hoheitlicher Gewalt hergestelltes Rechtsverhältnis, kraft dessen eine Person die Freiheit in der Weise entzogen ist, dass sie von der Polizei gehindert wird, sich fortzubegeben.“

Die Zeitung berichtet, man wolle die Metallskulptur nicht einfach entsorgen, sondern suche einen neuen Ort für sie. Ein neues Zuhause.

In allem, was nur Requisite war, scheint Personsein auf, Bewegung, Wirksamkeit, eine mediale Aufmerksamkeit. Vielleicht auch Anstand, religiöser Respekt, Ehrfurcht.

Was ist das, was uns da plötzlich unvermutet vor die Füße fällt?

Niemand glaubt Dir. Du hast Jesus gefunden. Manche sagt vielleicht: Da ist etwas. Es gibt mehr. Was Du siehst, ist nicht alles. Es gibt rote Fäden, scheinbar unerklärliche Zusammenhänge, plötzliche Einsichten, Dinge, die einfach nicht so sein können, wie es die Welt will.

„Hurra. Handloser Heiland hat Heimat“, jubelt die Presse.

Die Finderin ist konfessionslos. Sie sagt: Jesus passt sehr gut in meine Wohnung. Ich glaube zwar nicht, aber Jesus bekommt bei mir einen Ehrenplatz.

Die Polizei erklärt den Fall für aufgeklärt und abgeschlossen.

 

 

Fotocredit: Polizeidirektion Göttingen  

 

 

 

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2 Gedanken zu “Religiös unbekannt. Zur „Göttinger Jesusfigur“

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