Mutigwerden zu Heulen und Handeln als Aufgabe des gegenwärtigen Protestantismus. Eine Replik an Erik Flügge

Rezension zu: „Nicht heulen, sondern handeln“. Thesen für einen mutigen Protestantismus, München 2019. 

Meine These zum Buch: Erik Flügge legt eine römisch-katholische Deutung des Protestantimus vor. Nun könnte man sagen, dass er dies ja aufgrund seiner Sozialisation gar nicht anders könne und seine Motivation, „Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft“ zu schreiben, in seiner Liebe zu eben auch der anderen Konfession begründet sei. Ein solch großherzige Geste steht einer Schrift, die damit rechnet, die Adressaten* „wütend“ (p. 15) zu machen, ja auch gut an. Dass an Anderen immer genau das besonders faszinierend ist, was ich selbst nicht habe, ist nun allerdings weder besonders neu noch überraschend.

 

Mir geht es (1) darum zu zeigen, dass die Irritation und Verwunderung über dieses Essay daran liegen könnte, dass hier eine DNA gesucht wird, die gar nicht gefunden werden kann. Damit ist Flügges Text – vermutlich unfreiwillig – ein Paradebeispiel postkonfessionellen Diskurses in den Kirchen und deshalb aus einer gewissen besonnenen Distanz, die nicht allzu sehr auf Details schaut, interessant. Wenn es dem Autor darum geht, die Dinge im Anschluss an Provokationen zu „ordnen“ (so meine ich es letzter Tage von Erik Flügge verstanden zu haben), dann möchte ich (2) zeigen, inwiefern Mut die zentrale Fähigkeit (die Alten sagten: „Tugend“) ist, die im postkonfessionellen Christentum der Gegenwart gebraucht wird. Es wäre ein Mut zum Handeln. Es wäre ein Mut zum Heulen. Es wäre ein Mut zum Lassen. Zum Tun. Ein Mut zu strategischer Klugheit (die man wirklich brillant vom Autor lernen kann) und zum öffentlichen Wort. Dies als Ausblick auf die These, die ich im Sinne einer response anbiete.

 

Ich habe lange gebraucht um zu beginnen, dieses Buch zu lesen. Es war kein Beschaffungsproblem, da es unvermutet und frühzeitig auf meinem Schreibtisch landete, sondern dem Umstand geschuldet, dass in meiner Community anhaltend darüber gestritten wird, obman dieses Buch überhaupt lesen sollte. Denn die, die die evangelische Kirche tagtäglich „anders“ machen, sind es leid, darüber belehrt zu werden, wie es denn eigentlich viel besser ginge. In dieser Vielstimmigkeit echte Gesprächsangebote zu identifizieren, ist nicht immer leicht. Diskurse zu kirchlichen Themen der letzten Jahre verlangen also ein gesundes Maß an Selbstimmunisierung, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben oder zu werden.

 

Damit zur zweiten Hürde, die eine echte diskursethische Herausforderung darstellt: Als zentrales Problem des gegenwärtigen Protestantismus stellt der Autor den Umstand heraus, dass man es mit „Differenzierern“ (p. 9 u.ö.) zu tun habe. Alles, was ich hier schreibe, kann unter diesem Verdikt gelesen werden, und vor allem: damit dann auch relativiert werden. Ich bin mir dessen bewusst. Und ich tue es trotzdem, weil ich die Lage so einschätze, dass die Strategie der ‚lauten Worten‘ mittelfristig nicht hilfreich ist, damit es mit dem Protestantismus anders weitergeht als bisher. Insofern scheint mir Flügges „Provokation“ eher ein Auf- und Hilfeschrei zu sein als ein ernsthaftes Lösungsangebot. Es gibt, etwa zum Thema ‚Gottesdienst‘, auch solche leisen Lösungsangebote, aber man muss sie in diesem Buch schon suchen. Eher also ist der kleine Band Flügges verzweifelte Flugschrift, die diese großen Worte und häufig auch Plakatierungen nutzt – wen erreicht man damit aber nun wirklich? Das bleibt, zumindest für mich, unklar: Die evangelische Bildungs- und Entscheidungselite dürfte den Text rasch zur Seite legen, die Anderen sind nach Flügges Auffassung ja schon gar nicht mehr da.

 

Ich muss jetzt zur Einleitung von Lösungsstrategien natürlich zitieren, wie es sich der Protestantin geziemt (zum Verstehen dieser Anspielung sollten Sie das Buch dann doch lesen!), und erinnere daran, dass Martin Luther das Stichwort „Provokation“ im Zusammenhang seiner Tauflehre platziert: Christ-Sein als Provokation!

 

Die Leserin wird im Essay an Orte in der Kirche geführt, die in Flügges Lesart ein demgegenüber verzagtes evangelisches Christentum zeigen: Der Gottesdienst, die Schrift, die Propheten. Es wird nicht wenige geben, die ins Hamsterrad des Widersprechens einsteigen und erzählen, wo sie Anderes erlebt haben. Das ist in der Tat die beschäftigte Selbstimmunisierung kirchlicher Kreise, von der das Buch auch berichtet. Es scheint immer noch schwer zu sein, aus Mechanismen der Selbstlegitimierung auszusteigen. Ich hingegen frage mich, ob nun ausgerechnet das Abarbeiten an Autoritäten einer postsäkularen Gesellschaft überhaupt angemessen ist. Auf mich wirkt dies in Zeiten flacher Hierarchien, agiler Organisationen und fluider Entscheidungsfindungen eigentümlich aus der Zeit gefallen (s.o.: mein Verdacht der römischen Deutungskategorien).  Was ist der Gewinn, über eine – mancherorts noch dringend notwendige – Aufgabenkritik hinaus?

 

Was Religiosität angeht, ist Flügge auffallend optimistisch: Dass Gottesdienste sich aus den religiösen Funktionen des Betens und Segnens heraus von selbst „neu ordnen“, steht allerdings nicht zu erwarten, wenn Menschen schlicht grundlegende religiöse Ausdrucksformen nicht mehr zugänglich sind, wie im Buch häufig anonymen Dritten (etwa der „promovierten protestantischen Freundin“) in den Mund gelegt wird. Dass Menschen tatsächlich letztlich so „latent kirchlich“ sind, wie Flügge annimmt, müsste erst noch gezeigt werden. So einfach es zunächst klingen mag, Kirchlichkeit über die Nachfrage religiöser Angebote aufzubauen: Das evangelisch-volkskirchliche Modell von Zugehörigkeit unabhängig von einer Prüfung des Glaubens „von außen“ ist damit verlassen. Die Provokation, die dem Protestantismus inhärent ist – „Der Mensch hat seinen Weg gefunden, über die Lehre von der Kanzel herab hinaus, sich selbst in Beziehung zu Gott zu setzen.“ (p. 38) – ist aus meiner Sicht klug neu beobachtet. Dass der ‚Geist des Protestantismus‘ auch jenseits der verfassten Kirche wirksam ist, ist schließlich eine der wesentlichen Einsichten liberaler Theologie. Und es wäre lohnenswert, hier theologiegeschichtlich nach Strukturanalogien zu suchen. Es könnte gut sein, dass wir anhand dessen unsere heutigen Konfessionen besser verstünden. Und auch ein gelassenes Verhältnis zur Fragilität kirchlicher Sozialgestalt bekämen, die eine notwendige Folge dieser Einsicht ist.

 

Die Frage, die Erik Flügge nicht stellt, ist jedoch, wie „der Mensch“ diesen „Weg findet“. Ist es nicht eine dem christlichen Glauben evangelischer Prägung inhärente Leistung, dass seine Maßstäblichkeit quasi „subkutan“ wirkt und dann und wann exemplarisch sichtbar wird? Als Zustimmung zu materialen Glaubensinhalten, wie am Beispiel der Auferstehung ausführlich traktiert, jedenfalls nicht. Da zeigt sich, wie mächtig die jeweilige auktoriale Hermeneutik ist – seine wie meine. Ärgerlich ist allerdings die Art und Weise, wie die Positionen der befragten Kolleginnen* vorgebracht werden, weil gar nicht danach gefragt wird, inwiefern diese Ansichten für jemanden stimmig sind. Könnte es also sein, dass der Protestantismus in seiner Entäußerung in alle Bereiche der Gesellschaft provokativer ist als Erik Flügge? Und dann wäre es gar kein Zufall, dass „[p]rotestantisches Denken … heute omnipräsent“ ist (p. 16).  Nebenbei bemerkt: Den evangelischen Gottesdienst primär und ausschließlich als Lehrveranstaltung zu verstehen, von dem sich der mündige Christenmensch eigentlich zu emanzipieren habe, ist eine fraglos normativ gesetzte Annahme, die sich aus der prominent im Klappentext positionierten Episode abzuleiten scheint, in der Grundszenen gottesdienstlichen Lebens mit einer bespinnwebten Patina längst vergangener Zeiten, die es so vielleicht nicht gegeben hat, überzogen werden. Allerdings mag ich nicht glauben, dass der Autor nicht auch reichlich andere Erfahrungen in evangelischen Gottesdiensten machen könnte! Flügges Beobachtungen sind gut und treffend, aber sie sind auch einseitig und überspitzt. Das soll seine Deutungen nicht relativieren, macht es der Leserin zugleich aber schwer, immer zu folgen. Es ist ja eine beraterische Binsenweisheit: Wo ich hinschaue, da entsteht Wirksamkeit. Man kann zweifellos viel Jammern sehen, man kann aber auch motivierte Geistliche aller Generationen sehen, Aufbrüche in und am Rande der verfassten Kirchen.

 

Erik Flügge schaut auch auf die Bibel als weiterer Autorität; auffälligerweise als dogmatische Grundsignatur „Schrift“ eingeführt, worunter dann allerdings der Bibelgebrauch von evangelischen Christenmenschen verhandelt wird. Nicht nur an dieser Stelle des Essays habe ich den Verdacht, dass Beschreibungen und Normativitäten durcheinandergeraten. Die Idee der prinzipiellen Unabgeschlossenheit des Kanons hat Flügge von Karl Barth aufgenommen (KD I/2, 532), deutet sie allerdings anders, indem er dies als Appell zur Fortschreibung der Bibel interpretiert. Ich frage mich, weshalb er denn nun nicht mit einer Fortschreibung dieser Art in Predigten rechnet? In Flügges Argumentation wäre das aus meiner Sicht logisch gewesen, allerdings hätte sich dann der vorherige Abgesang auf den evangelischen Gottesdienst verboten… Die Pointe der Unabgeschlossenheit des Kanons besteht meines Erachtens nun gerade darin, dass der Kanon sichimponiert, und nicht, dass Christenmenschen den Lehrbestand aus dem eigenen theologiegeschichtlichen Zitatenschatz auffüllen. Hier – wie übrigens an vielen Stellen gegenwärtiger theologischer Diskussionen – zeigt sich, dass der Status von evangelischer Lehrbildung in Gegenwartsdiskursen reichlich Aufholbedarf hat. Evangelische Lehre ist eben nicht durch Traditionsfortschreibung, wie hier gefordert (und gut römisch), garantiert. Die Frage hingegen, was uns als evangelische Theologinnen eigentlich antreibt, gegenwartsfähig zu beantworten, ist ein Desiderat, auf das Erik Flügge nachdrücklich hinweist.

Das Kapitel zur Prophetie rührt an die Sehnsucht charismatischer Führungsimpulse im Sinne Max Webers; wenn dies denn mehr sein soll als eine gute PR-Strategie (und auch das wäre ja schon was). Ehrlich gesagt wünschte ich mir, eine Vielzahl von Geistlichen hätte mit lokaler oder regionaler Reichweite etwas von der theologischen Freiheit, die hier angedeutet wird. Ob es sich hier nicht eigentlich konsequenterweise um eine Beschreibung des Pfarrberufs handeln müsste?

 

Was mir – bei Fragen zu nahezu allen Details des Buches – sehr gut gefällt, ist, dass Erik Flügge sich einen mutigenProtestantismus wünscht. Mir gefällt das sehr gut, weil nach meiner Einschätzung nur ein mutiger Protestantismus gegenwarts- und zukunftsfähig sein kann, wenn er Glaube in einer offenen Gesellschaft zur Sprache bringen will. Die Unsicherheiten und Unabsehbarkeiten, in denen wir leben (von denen übrigens im Buch erwartungsgemäß keine Rede ist), dürfen nicht weiterhin so viele Impulse in der Kirche freisetzen, sich doch besser zurückzuziehen und eigene Welten von Sprache, Kultur und Lebensstil zu bewohnen. Ein relevantes Christentum muss sich – unabhängig von seiner konfessionellen Signatur – aussetzen. Das braucht Mut. Weil Mut heißt, sich in Situationen zu begeben, die unsicher sind. Weil es bedeutet, mit Fehlern umzugehen, mit Devianzen, mit Spannungen, Ablehnung und Kritik. Weil es bedeutet, Vertrauen in sich und die Kirche zu haben. Mut, der weiß, dass er sozial-moralischer Natur sein muss und damit auch unrealistische, pseudo-inklusive Narrative zu verabschieden hat. Mutige Christenmenschen sind eine Kirche, die all dies zulässt und fähig ist, sich selbst zu begrenzen. Chronische Anspannungen in der ewigen Auseinandersetzung um Relevanzverlust und Vielfältigkeit von Anforderungen und Erwartungen arbeiten dem entgegen. Die Kirche muss trauern (und deshalb auch „heulen“, wenn diese Tränen Ausdruck von Jammer sind und nicht Gejammer) und sie muss sich erholen. Sie sollte in Urlaub fahren, andere vorübergehend die religiöse Arbeit machen lassen (und nicht dauernd denken, davon ginge die Welt unter), aus Angsthasen Hasenbraten machen (oder wie ist das Cover zu verstehen?), schöne Orte sehen, einen Atmosphärenwechsel erleben, sich ausreichend bewegen und guten Rotwein trinken. Anschließend wird sie fähig sein, ihre Dinge zu ordnen, weil sie weiß, was ihr wichtig ist, weil sie eigenständig denkt, weil sie weiß, wo sie stark ist und wie sie mit ihrer Schwäche umgeht. 500 Jahre nach der Reformation würde die Kirche auf diesem Wege weiter erwachsen. Und könnte dann provozieren – aus den Hamsterrädern des Profanen herausrufen, wie es einem Leben aus der Taufe entspräche. Insofern: Dass römische Deutungen evangelische Selbstdeutungen provozieren, die eine hohe religiöse und gesellschaftliche Sprengkraft entfalten, hat Tradition.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s