Bonhoeffer statt Brockhaus. Kirche im gesellschaftlichen Wandel

#zukunftskunstkirche

Es geht um nichts weniger als um die Zivilisiertheit des Lebens. Im ersten Denken dieser These ist mir unbehaglich. Meine theologisch-religiöse Sozialisation ist so viel mehr von der Dekonstruktion der Ordnung (und der Ordnungstheologie), von Prophetischem, vom Fragen und vom kritischen Impuls gegenüber der bürgerlichen Vereinskirche geprägt.

Doch plötzlich scheint es um mehr zu gehen als die große Frage von Stabilität und Instabilität religiöser Existenz, sondern die Grundlagen des Lebens selbst stehen auf dem Spiel. Die Erderwärmung setzt exponentielle Entwicklungen in Gang. Der soziale Frieden in unserer Gesellschaft steht mehr und mehr in Frage. Ob demokratische Spielregeln faktisch ein common senseunseres Zusammenlebens sind, weiß derzeit niemand mehr so recht. Globale Logiken setzen weltweite Migrationsströme in Gang, die zu herausfordernden Situationen und Entscheidungen führen. Niemand, der sich verantwortlich weiß, kann noch bei seinen Leisten bleiben. Was angemessen ist, sucht kaum mehr jemand zwischen goldberandeten Ledereinbänden.

 

Und die Kirche? Welche Rolle hat sie? Der Studientag „Zukunftskunst Kirche“ der CVJM-Hochschule Kassel hat eine Vielzahl und auch erstaunliche Vielfalt kirchlicher Akteure zusammengebracht, um diese Frage zu bedenken und nächste Schritte in den Blick zu nehmen.

 

Die Analysen fallen, bei ermutigendem Grundton, unterschiedlich aus. Die Kirche tut viel und wird darin wenig gesehen. Sie tut oft nicht das Wirksamste, weil sie sich Formen verpflichteter weiß als der Motivation ihres Handelns. Sie erinnert an große Geschichten und erzählt sie so, dass sie neu und anders klingen. Sie gibt offen zu, dass Brunchgottesdienste eigentlich nichts anderes als Traditionspflege sind. Wer von einem religiösen Standpunkt aus in die Welt schaut, wird (vor allem) kirchenleitenden best-practice-Mutmachgeschichten kaum trauen können. Wenn ich überlege, weshalb dieser gut gemeinte Wille nicht wirkt, dann doch deshalb, weil er Kontextualität und Komplexität übersieht. Weil das eine am einen Ort wenig über das sagt, was die Welt an einem anderen Ort braucht. Die Jesusgeschichte erzählt sich in Varianten, weil sie kein one-fits-all kennt.

 

Glaubt man Uwe Schneidewind, leben wir unter Bedingungen, die es ökonomisch machbar werden lassen, die großen Fragen unserer Zeit für alle menschenfreundlich und sachgerecht zu lösen. Dass wir es nicht tun, liegt nicht nur an der komplizierten Verschleierung des Handlungssubjektes, wer denn „die“ Gesellschaft und „die“ Kirche sei, sondern daran, dass emotional-moralische Entscheidungen zu treffen sind. Sie sind – biologisch bedingt – schwer beschreibbar, fehleranfällig und richtungsweisend. Jeder kennt die Analogie im persönlichen Leben, die auch die Einsicht einschließt, dass letztlich ein Zwang zum Entscheiden besteht.

 

Wir selbst und wir als Kirche entscheiden uns, ob und wie wir unsere Rolle in dieser Gemengelage beschreiben. Dass Kirche Kategorien in gesellschaftlichen Diskursen und Entscheidungslagen zur Verfügung stellen möge, ist ein plausibler Vorschlag, weil er die Kirche handlungsfähig macht, ohne sie weiter in ihrer Atemlosigkeit zu protegieren. Ich frage jedoch, wer in der derzeitigen Situation einer „gereizten“ (B. Pörksen) und aufmerksamkeitsgesteuerten öffentlichen Diskurslage einer Kategorie „Hoffnung“ überhaupt traut und zuhört. Da wird es vor allem darum gehen, logische und narrative Anschlüsse zu suchen, Verbündete außerhalb der Linien zu finden.  Kirche ist nicht nur zuvörderst „Kirche für Andere“, sondern es wird auch darum gehen, „Andere für Kirche“ in Gespräche und verbindliche Vereinbarungen zu ziehen. Das Dass, eine Vision wachzuhalten, ist der erste Schritt, um für die Kirche mit Gründen einen relevanten Platz im öffentlichen Diskurs einzufordern. Damit sie das überhaupt schafft, braucht sie vor allem anderen eine liquide, gesellschaftsfähige Theologie. Und in den Kirchen kluge Prozesse, wie diese Theologie überhaupt kontinuierlich weiter entwickelt wird.

 

Der französische Alteritätsforscher François Jullien hat jüngst die Möglichkeit durchgespielt, dass es sich beim Christentum um eine „Ressource“ im Sinne einer kulturellen Möglichkeit handele:

 

So „geben die Ressourcen zu denken; sie sind nur in dem Maß wertvoll, in welchem die jeweilige Person – die jeweilige Generation – ihrerseits sich anstrengt, sie erneut zu aktivieren, ebenso zu erforscheun wie auszubeuten. Resssourcen existieren nur in dem Maß, in dem sie ertragreich gemacht werden. Zugleich hält sie das, was an ihnen nur potentiell vorhanden ist, in Schwung und bewahrt sie vor der Begrenztheit, der das Aktuelle in seiner Ausdehnung unterworfen ist, entzieht sich der verfestigenden Positivität des Erreichten und Akzeptierten.[1]

 

Solche Spiele und Anschlussideen benötigen wir unbedingt, wenn Kirche als Akteurin im gesellschaftlichen Wandel gehört werden will. Deshalb ist es vermutlich kein Zufall, dass in den theologischen Plädoyers für eine gegenwartsfähige Kirche derzeit negative Theologien eine erhebliche Rolle spielen. Religionsloses Christentum, latente Kirche, innere Plausibilität sind die Hoffnungsressourcen einer Kirche, die ihre Struktur und Praxis derzeit grundlegend aufs Spiel zu setzen hat, um zivilisatorisch bedeutsam wirksam zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Detail eines Kunstwerks von Gofi Müller aus der Ausstellung wirklichwirklich im CampusCenter der Universität Kassel)

[1]F. Jullien, Ressourcen des Christentums. Zugänglich auch ohne Glaubensbekenntnis, Gütersloh 2019, 28.

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