Ordnung und Ahnung, oder: Die Sache mit der Lücke im System

Ansprache,

auch anlässlich des 150. Jahrestags der Entdeckung des Periodensystems der Elemente

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 28. Oktober 2019

 

Vor 150 Jahren kam die Welt in Ordnung.

Einer sitzt an seinem Schreibtisch, viele kleine Zettelchen vor sich – heute nähme man vielleicht post-its – und sucht nach einem System für die Welt.

Er will das Buch schreiben, das alles erklärt.

Er fängt an zu schreiben – und weiß nicht mehr weiter.

Die Welt wirkt auch irgendwie willkürlich.

 

Er stammt aus Sibirien.

Und sieht aus, wie Ihr Euch das jetzt so vorstellt: wie einer aussieht, der aus einer rauhen, kalten Welt kommt. Lange Haare, zerzauster Bart, eine wirre Erscheinung. Wie ein Schamane. Einer, der die Zeichen der Welt versteht und sie für andere übersetzt.

 

Der, der die Dinge übersetzt, ist der, der die Welt in Ordnung bringen will. Worte schaffen, Schriften, Symbole, Kultur.

 

Doch zurück an den Schreibtisch. Irgendwann weiß er nicht mehr weiter und nickt ein. Als Dmitri Mendelejew aufwacht, notiert er das Periodensystem der Elemente.

Eine sinnvolle Tabelle aller Bausteine der Welt. Noch ist sie seitenverkehrt, manches steht an der falschen Stelle. Die Ordnung ist größer als der Mensch, der sie aufs Papier bringt.

Deshalb die Geschichte, sie habe sich im Traum gezeigt. Eine Art magische Intelligenz, die etwas aufscheinen lässt vom „großen Ganzen“.

 

Christenmenschen versetzen die Geschichte von der Ordnung der Welt nicht in einen Traum, sondern ganz an den Anfang. Vor alles, weil es ja tröstlich sein kann, dass etwas da ist, was einen Sinn ergibt, bevor ich da bin.

 

Ein erster Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein zweiter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein dritter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein vierter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein fünfter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein sechster Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein siebter Tag. Und siehe, es ist sehr gut.

 

Die große Weltgeschichte und die menschliche Kulturgeschichte gehen da Hand in Hand. Ob’s einleuchtet? Dazu muss man diese Ordnung lesen können. Die eine oder die andere oder die eine und die andere. Die einen sehen dies, die anderen das. Leerer Himmel, eine ordnende Hand, Gott selbst am Werke, ein spielendes Kind. Weisheit, Krippenkind.

 

Einprotoniger Wasserstoff kracht zusammen und siehe, Helium ist da. Lithium, Beryllium, Bor, Dichte, Energie, Materie, Eisen und Uran. Licht und Finsternis, Wasser und Land, Pflanzen, Bäume, Fische, Katzen, Hunde, Menschen. Und tausenderlei Lesarten, welche Ordnung, welch Plan in der Welt sein könnte. Und ich glaube, dass es auch im einzelnen Leben solche Ahnungen gibt: Dass es einen Sinn geben könnte, einen mehr oder minder offensichtlichen Plan für dieses, für mein Leben.

 

Lasst uns nochmal nach St. Petersburg, an den Schreibtisch von Mendelejew gehen: Im System sind Lücken für das, was Menschen geschaffen und der Natur abgetrotzt haben: Kalzium und Eisen, die mühsam der Welt abgerungen werden. Künstlich geschaffene Elemente, radioaktive Stoffe.  Tiere, die noch nie jemand gesehen hat und Pflanzen, die ihre Namen nicht von Menschen haben. Das System will Lücken haben; die Ordnung weiß, dass sie offen ist.

 

Später werden Physikerinnen und Chemiker Mendelejews Periodensystem nehmen und versuchen, die Elemente, die in die Lücken gehören müssten, quasi „nachzukochen“. Die Lücken zu füllen: Technetium als Molybdän und Wasserstoff. Neptunium und Plutonium aus Uran, das mit Wasserstoff beschossen wird. Americium gibt es überhaupt nur im Labor. Es entstehen neue Reihen, Umgruppierungen, neue Lösungen. Manches kommt in die Fußnoten und anderes wird verschwiegen, damit unsere Schulbücher nicht zu kompliziert werden und das Bild an die Wände der Klassenräume passt. Und es sieht aus wie eine Burg; vielleicht soll es so aussehen, als ob uns Ordnung schütze, vor den Dingen, die geschehen. Diskussion brechen los, wo denn eigentlich das Ende sei, wann alles entdeckt ist. Viele hoffen auf „Inseln der Stabilität“ für das, was es ganz selten gibt in der Welt. Weil das Seltene faszinierend ist und manchmal auch wirklich wichtig.

 

Und da ist diese Ahnung, auch mein Leben und irgendeine Art von System könnten etwas miteinander zu tun haben.

 

Ich ordne und sortiere. Auf Notizzetteln und post-its, Flipcharts und Moderationskarten. Bleibe skeptisch gegenüber allzu glatten Oberflächen (aus der Serie: Gründe gegen Powerpoint). Wir bilden geometrische Figuren, Tabellen, vielevieleviele Dreiecke, Spiralen und Zylinder, in denen die Dinge nebeneinander, übereinander und miteinander stehen. Es gibt einen ersten Tag, einen dritten, einen siebten und den achten, an dem wir anfangen, die Bleistifte zu spitzen und weiterzuschreiben.

 

Und wenn es ordentlich und gedruckt ist, sieht es so aus, als seien die Dinge so. Was mich an Mendelejew beeindruckt – der übrigens gar nicht der erste war, der so etwas versucht hat – ist, dass er Lücken im System gelassen hat. Und das nicht nur, weil er vielleicht zu früh aus seinem Traum aufgewacht ist. Er wusste oder ahnte, dass es da mehr gibt, als er selbst kennt. Manchmal war es so, dass er alle Kennzahlen berechnete, aber das Element trotzdem nicht kannte: Da müsste doch etwas sein, auch wenn es mir noch nicht begegnet ist.

 

Ordnung und Struktur entziehen sich der Wahrnehmung. Sie sind nur zu ahnen und unfertig. Für manche ist das eine Zumutung, für andere ein Anreiz. Bilder der Welt entstehen: Strahlen, Schleifen, Spiralen, Blumenartiges, Bäume, Blasen, Altäre, Trichter, Schachbretter, Pyramiden, Schnecken (mit und ohne Häuschen), formlose Amöben, Sonnen, Rennbahnen. Manches an diesen Modellen ist einfach nur schön und lässt staunen, anderes ist klar und überzeugend, von den Bildern der Welt.

 

Mit Graphiken an Schulwänden die Welt zu erklären: was für eine romantische Idee! Ich verstehe, dass das belächelt wird. Heute kann das alles sein: Eine Weltkarte, ein Navigationssystem fürs Leben, das funktioniert, ohne alles zu wissen. Der Trost, dass es Kräfte gibt, die größer sind als ich, und die etwas gegen Unordnung haben.

 

Und ich versuche das zu verstehen, indem ich Teile der Welt auf Notizzettel und post-its schreibe, und manchmal nicht mehr klar ist, wo das Konkrete aufhört und die Ästhetik anfängt. Manches entdecke ich im Leben, anderes erfinde ich auch. Es könnte sein, da will einer (Gott), dass wir ko-kreativ sind, dass wir mitwirken, an dieser Sache mit dem ersten Tag, der sehr gut ist, und dem zweiten Tag, der – Ihr wisst schon.

 

Hinter den Dingen scheinen Zusammenhänge auf, klar oder schön, klar und schön. Gott sei dank.

 

 

 

 

Ich hatte zwar Chemie-Leistungskurs, habe aber trotzdem das eine oder andere nachgeschlagen. Vor allem hat mich inspiriert: Michael Pilz, Tanz der Elemente. Das Periodensystem als Welterzählung, Kursbuch Bd. 199: Unglaubliche Intelligenzen, hgg. Armin Nassehi/ Peter Felixberger, Hamburg 2019, pp. 76-91.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

2 Gedanken zu “Ordnung und Ahnung, oder: Die Sache mit der Lücke im System

  1. „Du hat sie alle weise geordet.“ (Psalm 104) – danke für die Erinnerung! 🙂
    Gut, dass es Lücken gibt und kreatives Chaos auch zu Gottes Repertoire gehört…

    Gefällt 1 Person

  2. In der Bibel steht, dass Jesus auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt hat.

    Im Chemieunterricht hing das Periodensystem der Elemente groß an der Wand. Wir haben gelernt, dass Wasser die Summenformel H2O hat und Alkohol die Summenformel C2H5OH oder C2H5O, je nach Darstellung. Auf jeden Fall kommen da zwei Kohlenstoffatome vor, die in der Ausgangssubstanz Wasser nicht enthalten sind.

    Seitdem glaube ich nicht mehr, dass das berichtete Weinwunder so stattgefunden hat. Früher war das vielleicht nicht für viele so transparent, aber die fortschreitende Erkenntnis der Regelmäßigkeit der Natur, zu der auch das Periodensystem einen großen Beitrag geleistet hat, hat Einfluss auf die Möglichkeit, Menschen mit Wunderberichten zu erreichen und zu überzeugen.

    Die Kirche möchte davor am liebsten die Augen verschließen. Sie verkündet weiter ihre biblischen Wundergeschichten, versucht bei Rückfragen, dialektisch im Trüben zu fischen und damit ihre Tradition zu retten, und wundert sich, dass ihr die Leute weglaufen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s