Momente auf Friedhöfen: Zeichen und Praxis

Gastbeitrag für die November-Aktion des Totenhemd-Blogs

 

Ich hatte ein Methoden-Reenactment vor, das sich an Roland Barthes „Das Reich der Zeichen“ (1981) orientieren sollte. So hatte ich mich vorbereitet. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Beitrag zur oben erwähnten Aktion. 

 

Kassel. Hauptfriedhof. Wenig nach Allerseelen.

 

Rote Nebelkerzen versperren meinen Weg, hüllen einen ganzen Straßenzug ein und verbrennen die Luft, wie sonst nur zum Jahresende üblich. Ich meine, das sei in Deutschland außer der Reihe verboten, aber wer heiratet auch schon im November?

 

Auf dem Friedhof flackern tapfer die kleinen roten Ewigkeitslichter gegen den Herbstwind (tröstlich!), ein Schild am Eingang weist auf die Möglichkeit hin, Gräber mit Segen zu bedenken. Stattdessen bedeckt eine schier unendliche Laubschicht alles. Und bald auch mein Schreibgerät. Die Stadtgesellschaftlichen mit den teuren Pullovern haben ans Handfegerchen gedacht, alle anderen behelfen sich mit der Verpackung ihrer winterresistenten Pflanzen, um einem kleinen Fleck Erde Kultur und Bedeutung beizumessen. Die, die um mich herum in der Erde liegen, liegen dort schon länger, als ich auf der Welt bin.

 

Viele sind unterwegs, und doch sind sie für sich. Die Größe der Parkanlage lässt Distanz wahren und nährt doch die Solidarität. Menschen gehen in Verstorbenengedenkzonen anders ihrer Wege als in den Fußgängerzonen, nur wenige hundert Meter von hier entfernt. Innige Momente liegen in der Luft, geschlossene Augenlider im Herbstwind, und ich frage mich, wo sie sich zwischenzeitlich im alltäglichen Leben versteckt und eingenistet hatten.

 

In der Ferne höre ich Autohupen und das Grundrauschen der Großstadt. Die Friedhofsbäume versuchen, ihre Geschichten lauter zu erzählen, aber das scheint sie all ihre Kräfte zu kosten. Das Paar, das sich gerade auf den Rückweg macht, war sieben Minuten hier. Vielleicht sind es auch die kurzen Geschichten, Lebensminiaturen und Augenblicke, die das schaffen, was bleibt. Derweil fallen mehr Blätter auf meine Tastatur und für einen Moment könnte es sein, ich sei die einzige Lebende hier. Dann schleicht sich das Rollator-auf-Kies-Geräusch von hinten an mein Ohr und eine Stimme, die ihre Undeutlichkeit mit Lautstärke ausgleicht.

 

Familie F. haben sie rote Rosen auf die Grabstelle gestellt, die teuren Langstieligen, und als ich näher gehe, sehe ich, dass auch eine Rosenblüte auf der Grabplatte eingemeißelt ist. Und in mir beginnen sich Geschichten zu spinnen, von den Rosen damals und denen heute, aus Stein und aus Blüte und Blatt und Dorne und Duft. All das kann ich erst sehen, als ich das Laub ein bisschen beiseitegeschafft habe. Es kommt mir vor, als habe ich hinter Vorhänge und Schranktüren geschaut.

 

Eigentlich wollte ich zeigen, dass der Friedhof samstags nach 13h, wenn das Parken wieder umsonst und unbeschränkt ist, eine Leerstelle im urbanen Raum ist, ohne Praxis, ein Rückzugsort an Stabilität in wirrer Welt. Doch die Rosen lehren mich ein Gegenteil: Der Friedhof wird zum Ort meiner Praxis, er provoziert mich, die Lebende. Und am Ende, da werde ich einen Arm voller Laub in den Himmel geworfen haben, so hoch, dass ein Blatt am Himmel hängen bleibt. Und mit ihm die Erinnerung an den Frühling.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

2 Gedanken zu “Momente auf Friedhöfen: Zeichen und Praxis

  1. Hat dies auf Totenhemd-Blog rebloggt und kommentierte:
    Heute ist Friederike bei uns in der November-Blogaktion … sie war unterwegs und besuchte den Kasseler Hauptfriedhof und fand …. viel Laub :-). Auch!

    Wir freuen uns, dass Friederike dabei ist.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s