Bewegungen (2 von 4 Beispielen)

 Teil einer Prüfung, ob Catherine Malabous Begriff der „Plastizität“ für die gegenwärtige theologische Diskurslage etwas austrägt. (Winterwortwerkstatt, Januar 2020 in Hanau)

 

Bewegungen beschreiben.
Eine Erkenntnis (von vielen): Die Grunddifferenz zwischen der Beschreibung von Bewegungen innen und Bewegungen außen. In diesem Fall scheint das Komplexere das Einfachere zu sein.

Deshalb: Äußere Bewegungen beschreiben, semipermeabel-plastisch für das, was sich möglicherweise gar nicht beschreiben lässt.

 

EINS: Café am Sonnabendvormittag (belebt)

 

Auf und Ab.

Spiegelgesten (Empathie).

Treppauf, treppab und Stopp.

Aus den Augenwinkeln-Bewegungen.

Fallende Buchstaben mit dem Geiste aufheben.

Greifen nach vergessenen Mützen.

Hand am Geländer.

Streicheln, Vergewissern, Welt-noch-da-Gewissheit.

Schweifende Blicke über Blumen.

Buchstabenabtasten.

Der verzweifelte Versuch, die Ohren zuzuklappen gegen geschirrnes Geklapper.

Lautloses: Kerzengeflacker, Schalumwickeln, die Komplexität, eine Winterjacke um einen Holzstuhl zu wickeln. So, dass sie wirklich hängen bleibt. In den Spiegel schauen, um Bewegungen anderer zu sehen, die meinen, durch ihre Bewegungen andere nicht zu bewegen.

Wenn Du ein Getränk mit Sahnehaube bestellst, bewegt sich diese irgendwann von selbst über den Rand. Vielleicht müssten einfach viel mehr Dinge eine Sahnehaube haben.

Die Bruchkante roher Karotten, nachdem Du sie mit dem Taschenmesser nur halb angeschnitten hast. Sich mit dieser Zeitung neben mich zu setzen (ungefragt), ist die beste Strategie, ein Gespräch anzuzetteln. Es wirkt so, als hättest Du das gewusst. Ist das kontingent oder kausal?

Händereiben, Haarerichten, Kinn aufstützen, Hand vorm Mund (wegen Bazillen oder aus Schrecken oder beidem, lässt sich aus der Ferne nicht sagen).

Einer, der sich ständig ans Ohr fasst.

Irgendwas wird sie sich gedacht haben, als sie die Ticks geschaffen hat. Augenwischereien.

Schlürfen, Kauen, Beißen, Dramagesten. Auf sich und andere zeigen. Gen Himmel. Nicken und Lächeln. Wenig Widersprechendes.

Erkenntnis: Aus der Ferne lässt sich leichter sehen, ob jemand lügt, als wenn Du direkt dran sitzt und die Worte dazu hörst.

Mit dem Finger so über die Zeitung streicheln, dass sich für einen Moment lang Bilder überlagern.

In meinem Rücken: Zwei Meter Basilikum in Balkonkästen. Nur scheinbar unbewegt.

Leichte Knickse vor der Registrierkasse. Dinge zeigen ihren Subjektcharakter offensichtlich dadurch, dass sie nicht sich, sondern andere bewegen.

Die Tasse um 210 Grad drehen, um noch den letzten Schluck rauszukriegen, ohne die Etikette zu verletzen. Wer erfindet eigentlich die Bewegungsregeln, von denen sie sagen, dass es die feinen Unterschiede macht?

Verborgenes vor aller Augen.

Erkenntnis: Auf Wesentliches ist hinweisbar. Sonst wäre es uns ja vollständig entzogen und somit nicht mehr als eine Behauptung.

 

ZWEI: Bus (belebter)

 

Aufgabe: In den nächsten Bus steigen, der mehr als drei Haltestellen weit fährt.

Wie es der Zufall will: Es soll also ins Refugium gehen, das nach einem General aus dem 30jährigen Krieg benannt ist. Doch das bewegt nur Insider.

Ich werde durch die Dinge gehörig durchgeruckelt und es ist so unbequem, dass ich die Blicke nach draußen verliere. Ich ändere das auch dann nicht, als sich die Möglichkeit bietet, weil mir die Blicke von drinnen noch unangenehmer sind.

Eine alte Dame mit Rollator muss stehen, weil mein Laptop und ich einen Sitzplatz brauchen. Man kann sich also schuldig fühlen, obwohl man ein gültiges Ticket hat: Mein Leben in Deutschland in diesen Tagen.

Ich zwinge mich, aus dem Fenster zu sehen, obwohl mein Körper langsam ob der unkomfortablen Bewegungen rebelliert. Noch bin ich in der bekannten Welt und ich weiß nicht, ob mich das beruhigen soll oder nicht. Mein Geist beginnt schon zu berechnen, wie lange ich wohl benötige, wenn ich den Rückweg zu Fuß zurücklege.

Wohtuend, dass sich niemand über mich wundert. Ich liebe das Signet von Großstädten, die Menschen einfach ihre Dinge tun zu lassen.

An den Platanen ist noch überall die Weihnachtsbeleuchtung, so, als habe jemand – sicher ist sicher – die Lichter über den Köpfen der Menschen vergessen.

Straßennamen zeugen aus einer Welt, als man hoffte, durch Bildung die Welt zu verbessern. Es gibt ja immer zu denken, wenn Dinge auch beharrlich bleiben.

Während ich an die neuerlichen Diskurse denke, in die ich irgendwie zufällig grad gefallen bin, #karlmarx (ich dachte, das wäre langsam vorbei), werde ich an einer Kirche vorbeigefahren, an der ein Banner verkündet: „Auftanken. Gas geben“. Ich atme tief durch und gelobe produktives Anhalten.

Ich staune, während ich an großen Sportfeldern vorbeigefahren werde. Hier ist niemand. In Schrebergärten sind es nur Fahnen, die sich bewegen. Wer hier jetzt lebt, sitzt wohl fest in dicke Wolldecken gewickelt in der Stube.

Hier jedenfalls steigen jetzt auch die letzten Leute aus dem vollen Bus, offensichtlich sitzt diese Scheu tief, Dinge wirklich bis zum Ende zu tun.

Ich überschlage die Menge an Menschen, die im näheren Umkreis so um mich wohnen müsste und bewundere die schwere Stille, die die Straßenzüge durchzieht. Nur ganz gelegentlich fährt eilig ein Dieselfahrzeug vorbei. Zum ersten Mal höre ich, wodurch es die Buchstaben auf meinen Bildschirm schaffen. Feinmotorik ist schon auch wirklich eine Errungenschaft.

Auf Privatgrundstücken darf man hier nur Schrittgeschwindigkeit fahren; genau jetzt ist mir klar, weshalb es die Leute im öffentlichen Raum immer so eilig haben.

Der Bus fährt ab – ohne mich. Ich genieße eine Welt, in der es das Wachsen von Kakteen hinter Küchenfenstern ist, das der Beschreibung von Bewegung ihren Maßstab setzt.

Ich merke, wie mein Selbst sich ausbreitet und die Tentakeln meiner Wahrnehmung bis an die Schwellen von 1-, 2-, 3 ZimmerKücheBad-Arrangements reichen. Mein Sehen und Hören klappt seine Kapazitäten aus und mag die Räume, vor denen sich die Jalousien nur millimeterweise öffnen. 40 ist hier schon eine absurd anmutende Höchstgeschwindigkeit. Mehr ist verboten. Und auch hier: Wer ist eigentlich die Regelerfinderin? Flugzeuge, die im 3-Minuten-Takt das Himmelsgrau durchtönen, muten an wie eine fremde Welt, die sich dezent im Hintergrund hält.

Mir scheint, sie säßen alle in dieser bewegungsminimalen Welt, konzentriert auf neuronale Funkenschläge zwischen Dingen und Gedanken und einander und lachten ihn aus, jenen einzig entschlossen wirkenden Menschen, der einen Zebrastreifen überquert. Was ihn antreibt, existiert allein in einer Zeichenwelt, weißes Dreieick auf rechtwinklig blauem Grund, an den Rändern der bewegten Welt aufgestellt. Um der Ordnung willen. Um den Langsamen eine Chance zu geben, doch noch vom Einen zum Anderen zu gelangen. Und ich denke an die Zebras, die über Zebrastreifen laufen (#80er) und sehe die Kakteen lächeln und die Jalousien in die Hände klatschen.

Ich hingegen gebe dem Bewegtwerden eine zweite Chance und steige in den nächsten Bus. Ob mir auf der Schwelle entweder auffällt, wie warm es drinnen ist oder wie kalt es draußen ist, vermag ich nicht zu sagen: #schwellenprobleme. Das Fahrgast-TV verheißt mir in schrillen Farben, durch Rembrandt-, Feuerbach- und Cranachstraße gefahren zu werden. Und ich, ich schaue und staune. Die Buchstaben schütteln sich, selbst dann, wenn die Graphikkarte der Wortewelt stabil bleibt.

Eine Kluge sagt: Wenn die Dinge sich verhaken, muss man einfach nur mehr schütteln. #churchineverycontext

Bemoosung und Verflechtung jetzt leerer Schaukästen lassen ahnen, wie die belebte Welt die Zivilisation zurückerobern könnte, wenn es nix mehr gäbe, was wir einfach nur überall drüberschütteten und es wäre porentief rein und klinisch steril.

Baumarktlöwen vor Einfahrten erwachten, der Bus würde auf die Kinder warten und nicht die Kinder dem Bus hinterherlaufen. In der Bürgerstübe my Eisbär – Klammer auf: Billiard – Internet – Dart: Klammer zu – nimmt eben dieser den Pfeil, wirft ihn durchs Internet, so dass alle Billardkugeln von innen her zerspringen und die Verbotsschilder der Welt mit surrealistischen Farben überziehen.

Haltestelle Cranachstraße steigen vier kleine Jungs ein, die den Fahrschein einzeln mit vielen Münzen bezahlen und ihre Haustürschlüssel jeweils fest in der anderen Hand halten, als habe ihnen jemand gesagt, dass es ohne Schlüssel kein Zurück gäbe. Und ich stelle mir vor, ihr Ziel wäre eine Malwerkstatt, in der sie der Welt ihre Farben gäben.

Für alle anderen gibt es an jeder Ecke „Spezialitäten aus der Heimat“. Lippisch Pickert haben die aber nicht. Offensichtlich haben die einen komplexeren Heimatbegriff als ich oder eine andere Heimat.

Am Brückenkopf prangt in bedeutungsschweren Lettern 1-1-4-3. Und nur an der Form ist erkennbar, dass sie vermutlich die #ersteurkundlicheErwähnung Hanaus meinen und hier nicht nur jemand eilig den Pin-Code von Wasauchimmer notiert hat. Oder?

Doch all die kleinen Bewegungen erschüttern nur die kleinen, nahen Welten, denen wir die meiste Bedeutung beimessen.

Die Kinzig in all dem über Stunden unbewegt. Auch die Lieblingskneipe schläft noch.

Der Kongresspark traulich hold, als warte er auf den Sommer oder bessere Tage.

Ob ich mir ein Beispiel an ihm nehmen sollte?

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Die Spielidee, auf der dies fußt, ist von Sebastian Schmid beim Playing-Arts-Symposium 2019)

 

 

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