Überschüttet.

[5. Sonntag nach Trinitatis]

[12. Juli 2020]

[Gottesdienstentwurf für das Format Gottesdienst25′ der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKKW]

[Überschüttet]

Musikalisches Intro: Wellen[1]

Begrüßung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. [Amen.]

Fürchte dich nicht.

Gott ist da.

Fahr raus.

Gott ist da.

Du bist da.

Andere sind da.

Gott ist da.

[Musik: Choral instrumental, beispielsweise EG 165]

Psalm

Ps 73 = EG 733[2]

Gebet

Gott,

ich halte mich zu Dir.

Ich ahne, dass ich mich zu Dir halten sollte.

Halte Du zu mir.

Jetzt und immer.

Amen.

Lesung

Lk 5, 1-11 (= Predigttext)[3]

Auslegung

[1. Fleißig]

Sie haben die ganze Nacht gearbeitet. Simon und all die anderen. Das ist der Job. Wie gut, dass sie ihn haben. Sie waren fleißig, haben getan, was von ihnen erwartet wird. Kennt Ihr diesen Moment in der Nacht, in dem es wirklich-wirklich schwierig ist, noch auf den Beinen zu bleiben? Da ist der Boden weg. Wasser und Wind werden kalt. Das Wasser ist schwarz. Plötzlich ist das Boot, dein eigenes Handwerkszeug, so zerbrechlich. Die Bilder harter Arbeit überlagern sich mit den Bildern übermächtigen Meeres, die ich aus dem Fernsehen kenne. Das Wasser ist schwarz. Ertrinken ist still. Die Wellen sind mächtig. Die Tiefe unauslotbar. Tiefer und noch tiefer, immer weiter. Schier nie endend. Ich spüre etwas von der nasskalten Kleidung dieser Leute und den müden Knochen. Von Händen, die vor Erschöpfung zittern, die Augenlider fallen einfach zu, wenn die Welt ankündigt, zu erwachen.

[2. Über-Fleißig]

„Fahr raus“ – hören sie da noch einmal, nach all der getanen Arbeit, wenn Du denkst: „Jetzt ist’s geschafft“, „jetzt ist’s endlich geschafft“. Keep on working. Nur einen leisen Einwand höre ich in der Bibel. Simon sagt: „Das haben wir doch schon mal versucht“; und ich kenne dieses mächtige Gefühl, das die Jünger in sich gehabt haben müssen – ich kenne es, ohne es in Worte fassen zu können. Am Ende, ganz am Ende wird es offensichtlich vergessen sein. Möglicherweise werden wir am Ende nicht mehr wissen, was es war, was uns in den eigenen Grenzen festgehalten hat.

Sie fahren also raus. Auf das schwarze Wasser zu. Dahin, wo das Boot zerbrechlich wird. Mein schwarzes Wasser derzeit ist die allverbundene, belebte Welt. Die sich nicht nach meinen Wünschen richtet. Die Kränkung, dass winzige Wesen (strenggenommen sind sie das nicht mal) stärker sind als ich, als wir alle. Die Bibel sagt: Inmitten glitschiger, zuckender Fischleiber erkennen die Jünger Gott. Das ist unheimlich. Das ist fremd. Mir auch. Wer fromm ist, erinnert sich, dass die Bibel mit „Fischen“ ans Abendmahl erinnert. Mitten im tiefsten Meer deckt Gott mir den Tisch, mit Brot und Wein und Fisch. Da, wo es dunkel und kalt ist. Mir ist das unheimlich. Ob es mir fremd ist? – – – Das Boot droht zu sinken. Gott ist da. Fürchte dich nicht. Mitten im Wunder. Die Welt ist widerständig, schwankend, nasskalt. Fürchte dich nicht. Mitten im Wunder. Die Welt ist großzügig, überschwänglich, verschwenderisch. Der Auferstandene wird am Ufer des Sees Fische für seine Leute zubereiten. Es ist viel mehr da, als Du brauchst. Fürchte dich nicht.

[3. Über-Fließend]

Simon und die anderen sind gleichsam „überschüttet“ von dieser Erfahrung. Sie wissen, wie’s geht, mit dem Fischen, und sie wissen zugleich, dass damit nichts garantiert ist.[4] Für ihre Entscheidungen ist nicht mehr allein ausschlaggebend, was einmal war und was galt. Ausschlaggebend ist offensichtlich diese Ahnung, was sein könnte.

[4. Fließend: In Verunsicherung hilft Verunsicherung]

Ich sehe mich heute in dieser Geschichte mit der verunsichernden Seite des Glaubens konfrontiert. Und ich merke, dass es mir wichtig ist, Ihnen davon zu erzählen. Weil ich überzeugt bin, dass uns das in diesen Tagen mehr hilft als das, woran wir uns so gut gewöhnt haben: Je bürgerlicher und eingerichteter wir wurden, desto wichtiger wurde es offensichtlich, von Gottes Schutz und Begleitung zu sprechen. Fast wie eine Selbstbestätigung eines sicheren, auch privilegierten Lebens. Glaubten wir denn wirklich, wir könnten Untiefen ausbetonieren mit Appellen an einen Gott, der tut, was mein Leben bequem macht? Mir wird das immer fraglicher, was an Gott wir uns da eigentlich versichern. Was ist, wenn ich davon so wenig erlebe? Vielleicht auch nie mehr erleben werde?

„Fahr raus“, höre ich, und spüre Nasskälte auf der Haut. Fürchte Dich nicht. Da sind Leute, die wissen, wie’s geht, und trotzdem… Sie haben sich grundlos ausgesetzt, schwarzem Wasser und schwankendem Boden, zerbrechlichen Booten. Fahr raus. Fürchte Dich nicht. Da ist Gott. Genau da. Fürchte Dich nicht.

Amen.

Ideen für Interventionen

Falls Sie es mit eher mobilen Menschen zu tun haben: Gibt es in der Kirche Stufen oder Absätze? Wieviel Fläche des Fußes muss sicher stehen, damit ich nicht schwanke? Wann geht es los, dass ich mich eher unsicher als sicher fühle? Wie fühlt sich genau dieser Moment an? Was ist gut an diesem Gefühl? Falls der Kirchraum keine Stufen hat: Regen Sie (vor allem die Erwachsenen!) an, auf dem Heimweg auf dem Bordstein zu balancieren.

Falls Sie es mit weniger mobilen Menschen zu tun haben: Erzählen Sie einander, wann Menschen dieses „Fahr raus“ gehört haben. Wie war das?

Für die Woche: Tun Sie eine kleine Sache, die für Sie mit einer festen Uhrzeit verbunden ist, in dieser Woche einmal bewusst zu einer ganz anderen Zeit. Sehen Sie dies als ernsthaftes Spiel an. Beobachten Sie sich dabei selbst. Was haben Sie neu entdeckt? (Schreiben oder erzählen Sie einer Person davon, die Sie an diesem Sonntag im Gottesdienst gesehen haben. Rufen Sie sie an oder werfen Sie ihr Ihren Text in den Briefkasten.)

Musik: ad lib., vielleicht ist es möglich, dass jemand, von einem Instrument begleitet, EG 313, 1 singt. Alternativ: eg+ 114.

Fürbitten

Gott,

gehalten zu sein ist Gnade.

So bringen wir die vor Dich,

für die es schwer ist zu sehen, dass sie das gute Leben nicht selbst verdient haben: die Leistungsträger, die Disziplinierten, die Tugendhaften.

Wir bringen die vor Dich,

denen das gute Leben ganz fern zu sein scheint: Denen gerechter Lohn fehlt, denen Arbeit fehlt, die Gewissheit, durch die Woche zu kommen.

Wir bringen unsere Kirche vor Dich: die, die schwinden sehen, was ihnen daran lieb ist. Die, denen es schlaflose Nächte bereitet, „auf Sicht“ zu fahren. Die, die so dringend angewiesen sind auf uns – auf unsere Sorge, unser öffentliches Wort, auf Brot und Wein.

Ach, Gott, und unsere Welt bringen wir vor Dich: Klagen Dir den vielfachen Tod im Meer, unseren unachtsamen Lebenswandel, die Ächtung der Vernunft.

Sieh das alles an, und tue, was ich für nicht möglich halte: Wandele uns, wandele die Kirche, wandele die Welt in Segen.

Vater Unser

Segen

Musik (evtl. vom Anfang aufnehmen)

Kollekte

EKD-Kollekte für die Diakonie Deutschland – Diakonische Projekte für ein respektvolles und tolerantes Miteinander (Kollekte EWDE)

Ausgrenzung und menschenfeindliche Einstellungen begegnen uns in allen Teilen der Gesellschaft. Mit Ihrer Kollekte sorgen Sie dafür, dass Menschen auch in schwierigen Lebenslagen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Mit dieser Kollekte unterstützen Sie konkrete Projekte, die Menschen vor Ort dabei unterstützen, ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen und sich mit Mut und Zivilcourage für unser demokratisches Zusammenleben und gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus einzusetzen.


[1] Wer das Stichwort in eine Audiodatenbank eingibt, findet neben Naturaufnahmen alles zwischen Elektro-Pop und Schifferklavier. Suchen Sie etwas heraus, woran Ihre Gottesdienstbesucher*innen gut anschließen, sie aber auch schon einstimmt.

[2] Schreiben oder drucken Sie jede der zwölf Zeilen des Psalms auf ein DIN-A4-Blatt. Diese zeigen an, wo Menschen sich in der Kirche hinsetzen können. An dieser Stelle des Gottesdienstes liest jede/r seine*ihre Zeile. Ob dies nummeriert erfolgt oder so, wie Menschen sich aufeinander einstimmen, entscheiden Sie.

[3] Eine Lesung mit verteilten Rollen ist abgedruckt in: J. Arnold/ F. Baltruweit, Lesungen und Psalmen lebendig gestalten, ggg 2, Hannover 2004.

Eine Lesung des Textes durch StL Thomas Hof, die im Rahmen der Arbeit des Evangelischen Studienseminars Hofgeismar entstanden ist, kann bei der Autorin kurzfristig angefragt werden.

[4] Eine klassische Beschreibung von „Unverfügbarkeit“. Jüngst erst wieder: H. Rosa, Unverfügbarkeit, Wien/ Salzburg 2018.

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