„Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?“ Vom Anfangen und was ein Zebra damit zu tun hat

Buchbesprechung: Elisabeth Steinkellner, Papierklavier, illustriert von Anna Gusella, Weinheim und Basel 2020.

„Papierklavier“ ist ein Buch, das in Sachen Diversität sensibilisiert und auf das Lebensrelevante im Alltag hinzeigt. Die großen Themen eines zeitgemäßen Gesellschaftsporträts werden mit großer Leichtigkeit ausgerollt, ohne explizit genannt zu sein oder gar banal zu wirken. Armut zeigt sich darin, dass drei Euro Essensgeld selbstverständlich so angelegt werden, dass es für alle reicht. Ein schlechtbezahlter Dienstleistungsjob gehört zum Leben der 16jährigen Protagonistin Maia, die mit ihren beiden Halbschwestern in einem neun Quadratmeter großen Zimmer wohnt. Liebevoll ist ihr Blick auf die Mutter: alleinerziehend, absorbiert von allzu viel Arbeit, von Vorurteilen umstellt. Lebensstil, Mobbing, Transgender, Identitätssuche, Sexualität, Überwachung am Arbeitsplatz, Inszenierungseifer, Feminismus, Tod und Trauer – all dies klug thematisiert in kleinen Alltagsszenen, die sich lose aneinanderreihen und doch eine große Geschichte ergeben.

Die gemeinsame Arbeit von Elisabeth Steinkellner (Text) und Anna Gusella (Illustration) wählt die Form eines Tagebuchromans und steht damit in der Tradition von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ oder „Stiller“ von Max Frisch. Das klassische Druckbild ist aufgelöst, das Buch durchgehend grafisch gestaltet, ohne sich offensichtlichen grafischen Formen anzuschließen: Jede Seite ist anders. Das macht das Buch zu einem Entdeckungsbuch, da die Graphiken nicht nur scribbeln und illustrieren, sondern die Gedanken des Textes auch eigenständig weiterführen. Dass wir dabei Maias Tagebuch in Händen halten, rückt uns zum einen der Hauptfigur des Buches, deren Sicht die Leserin konsequent und exklusiv teilt, sehr nahe, macht sie andererseits zur Voyeurin in der Welt einer anderen Person. Augenzwinkernd selbstironisch wird dies etwa dann, wenn Maia sich im Verlauf der Erzählung an einem Graphikwettbewerb beteiligt, den sie zwar nicht gewinnt, aber doch unter den besten Drei ist.

Zur formalen Exzellenz des Buches gehört auch, dass die literarischen Formen vom klassischen Bewusstseinsstrom über die Trendgattung Liste bis zum meme als Form des digitalen uncreative writing wechseln, ohne die Leserin zu irritieren. Das skizzierende Tagebuch tut dies beiläufig und unaufgeregt. Die Themen des Buches sind ausgesprochen sorgsam ausgelotet: So zeigt sich das Thema Gendergerechtigkeit etwa nicht nur an Maias unnachgiebigem Bestehen auf inklusiver Sprache, sondern die Adressat*innen erfahren etwa auch, weshalb bei Wetterphänomenen, die nach weiblichen Vornamen benannt sind, mehr Menschen sterben. Kleine Szenen zu Themen wie Mermaiding oder Menstruation schließen auf der Höhe der Zeit an aktuelle Diskurse an, ohne peinlich zu wirken. Eine große Kunst ist dabei, dass das Buch ganz ohne belehrende Untertöne auskommt.

Zu Beginn stirbt Sieglinde. Weil sie alles verkörpert, was wir kulturell gütigen Großeltern zuschreiben, ist sie für alle „Oma Sieglinde“. In ihrem situierten Leben schien unaufgeregt alles zu passen. Heidi, eine von Maias Schwestern, mochte sie besonders. Oma Sieglinde ließ sie an ihrem Flügel spielen und förderte ihr Talent. Maia lässt uns Anteil haben an ihren Gefühlen bei der gutbürgerlichen Trauerfeier für Sieglinde und hört ihrer 7jährigen Schwester beim Philosophieren über ein Leben nach dem Tod zu: „Es muss schön sein, sieben zu sein“. Und Maia fragt sich, weshalb es ihr eigentlich nicht gelingt, Oma Sieglinde zu zeichnen. Gibt es eine anschaulichere Beschreibung dafür, dass ein Menschenleben nie in dem aufgeht, was wir davon wahrnehmen? Ohne die Klavierstunden bei Oma Sieglinde eine Etage höher, bastelt sich Heidi eine Tastatur auf einem Bogen Papier und spielt darauf – leiser, aber mit gleichem Ernst. „Zebra“ sei ihr zweites Wort gewesen, erfahren wir. Durch diese kreative, augenscheinliche Parallele zwischen den schwarzen und weißen Tasten des Klaviers und dem gestreiften Fell des Zebras wird dem Buch eine hochsymbolische Deutungsebene eingezogen, in der es um Perspektiven (in einem monoperspektivischen Buch!), Gemeinschaft und Alltagsweisheit geht. Währenddessen arbeitet Maia heimlich Extraschichten, um Heidi Klavierunterricht zu organisieren und zu finanzieren. In all diesen Arrangements des Alltags fragen die Schwestern sich, ob sie für Oma Sieglinde mehr gewesen sind als ein „Sozialprojekt“? Nein, den Flügel erben sie nicht. Er wäre ja auch größer als ihre Wohnung. Auch das Auto nicht. Überhaupt: Alles Tun und Nachdenken vertreiben die Trauer nicht. „Ich“, schreibt Maia im Blick auf ihre zweite Schwester Ruth, „bin völlig ratlos. ‚Ich mach dir eine heiße Milch mit Honig.‘ Was Besseres fällt mir nicht ein. Ruth wimmert immer noch, während ich … inständig hoffe, dass noch Milch da ist. Und Honig.“ Am Schluss des Buches stellt sich ein begründetes Gefühl von „alles gut“ ein, obwohl längst nicht alles gut ist. Jedenfalls wird es der Leserin leicht gemacht, Maia getrost ihrer Wege gehen zu lassen und noch einmal in Ruhe durch das Diary zu blättern und angesichts weiterer grafischer und textlicher Entdeckungen zu staunen. Zu diesem genauen Blick ins Buch und vor allem aber auf die Alltagswirklichkeiten der Menschen, die um uns leben, regt „Papierklavier“ an.

Die zum Zeitpunkt dieser Besprechung (Mai 2021) brodelnde Diskussion um die Auszeichnungswürdigkeit des Buches deutet darauf hin, dass hier Themen berührt sind, die gesellschaftlich aktuell und brisant sind. Und dies in einer für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ansprechenden, unaufgeregten und verständlichen Gestalt.

Graphik: Detail aus dem besprochenen Buch (ohne Seitenzahl)

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