Erdbeeren, Elche und andere Einsichten – Texte aus #LandKarten

Für alle, die davon zum ersten Mal hören oder erinnert werden möchten: #Beklopptes Tun – was ist das eigentlich?

1978 machen Julio Cortázar und Carol Dunlop sich auf Reisen. Sie nehmen sich den Juli frei und fahren mit einem alten VW-Bus auf der Strecke von Paris nach Marseille. Soweit, so gut. Dabei halten sie jedoch auf jedem Autobahnparkplatz an und verbringen dort eine Zeit. Neben dem Allernotwendigsten haben sie eine Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen dabei. Cortázar selbst schreibt in den ethnografischen Notizen, dass es sich bei dieser vierwöchigen Reise um #beklopptesTun gehandelt habe. In dieser Tradition machen Birgit Mattausch und ich uns seit einigen Jahren in jedem Sommer für ein paar Tage auf, um die Welt neu zu entdecken, um Impulse für uns und Inspiration für unsere Arbeit zu bekommen. Dieses Tun war schon immer hybrid, verknüpft zwischen digitalen und analogen Räumen. Jede Reise wird lange entwickelt und fühlt sich an wie eine Fernreise. Jede Reise ist anders. Und doch entwickeln wir über die Jahre eine Routine. Oft schreiben wir etwa regelbasiert – viele kennen das aus unseren Kursen. In diesem Jahr haben wir als ein neues Element bereits im Vorfeld ermutigt, zeitgleich zu uns zu reisen und dafür kleine Materialboxen versandt. Waren wir in den ersten Jahren überwältigt von den zahlreichen und berührenden Resonanzen, die unsere Reisen offensichtlich auslösten, ohne dass wir das von vorne herein im Sinn hatten, so wissen wir dies nun und gerade in diesen Zeit sehr zu schätzen (danke für alles und alle, die irgendwie mittun!!). Und wir hatten in diesem Jahr eine kleine Mitreisende. Weil wir hoffen, dass es nicht aufhört, dass Menschen im Kleinen was entdecken wollen.

In jedem Jahr suchen wir uns ein neues Feld des Entdeckens. Nachdem wir in den letzten Jahren hauptsächlich in Städten und Zwischenorten unterwegs waren, haben wir uns in diesem Jahr dem Lande gewidmet. Unsere Angelorte sind die örtlichen Postbriefkästen. Hier deponieren wir – gut sichtbar und vorfrankiert – Texte und Dinge auf Postkarten, die Ortsansässige und Flaneusen an Dritte verschicken können. Die Texte, die ich dort geschrieben habe, sind im Folgenden dokumentiert. Die Texte der Spielgefährtin sind hier.

Orpethal

Wo ist hier der Ort, der für die Freiheit des Spiels reserviert ist? Die psychogeografische Forschung (die die Wechselwirkungen von Architektur und Emotionen untersucht), sagt: Solche Orte werden zu „Intellektuellen Hauptstädten der Welt“. Beschreibe den Regierungssitz.

Zwischen Mauern

Schützend und verborgen

In alle Richtungen unterwegs sein

Mit schwerem Gerät, wie die Alten,

und doch voller Leichtigkeit.

Spuren ziehen und Wege entdecken

Immer auch einen Platz für andere haben

Zum Mitmachen

Lebensspielplatz

Wo die Entscheidungen fallen.

/

An diesen Bächen haben wir uns früher, vor aller Zeitlichkeit, die nassen Füße geholt. Strümpfe auf Steinen getrocknet, bis sie steinhart geworden waren. Heute fließt das Flüsschen schneller. Es hat viel zu tragen und reißt mit, wer immer sich ihm in den Weg stellt. Unbemerkt, fast ohne Rauschen. Dabei gab es dem Ort seinen Namen. Was immer den Lauf der Welt bewegt, ist fließend. So oder so.

Neudorf

Gehe 2 Minuten so geradeaus wie möglich. Stoppe, wenn dein Handytimer klingelt. Schreibe dort über das, was du siehst, wenn du nach rechts schaust.

Erker nach draußen

Fenster nach innen

Reserviert für Katze, Hund und Elch

Natur in allen Farben, Kultur in schwarz-rot-gold

Hummelsummen und leise Stimmen hinter Fenstern innen

Vergittert und halboffen zugleich

Scheunentor mit Wappentier

Leer oder voll

Das wird ausschlaggebend sein

/

Zwei Schwalben machen einen Sommer

Und der Grill

Und der bunte Vorgarten

Das leise Flirren über dem Asphalt, „polarweiß“

Sandstein gestapelt wie andernorts das Brennholz

Einflugschneisen und Antennen in die große weite Welt

semper vivum vor deinen Füßen

Helmighausen

Wir suchen jetzt an diesem Ort eine Sehenswürdigkeit, die es in einen Dumont-Führer schaffen sollte. Schreibe einen kurzen Beitrag für einen Travel-Blog, in dem die sehenswürdigkeitstypische Hassliebe unterschwellig zum Tragen kommt.

Besondere Hörenswürdigkeit, nur bei Aufstieg auf den historischen Glockenturm auch zu sehen: einzelne Glocke für den Stundenschlag, minimalistisch und durchdringend, wegweisend: zur Arbeit, zur Pause, nach Hause.

Leute hingegen sind dessen unbeeindruckt: sind schon weg, bleiben sitzen.

Nur Kinder wohl halten neugierig Ausschau, was würdig ist zu sehen.

/

„Stapeleien

Holz, so dass du gerade drüberschauen kannst

Mauer, gerade so zum Drüberspringen

Stoffbahnen, dreifarbig und augenscheinlich knitterfrei

Sternstapel

Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?“

-ortstypische Lyrik –

Westheim

Was vermisst Du an Deinem Zuhause hier gerade besonders? Notiere es und tue es nach Deiner Rückkehr innerhalb von drei Tagen. Schreibe jetzt auf, wie es Dir danach gehen wird.

Vermissen:

Ein Leben ohne Gütertransport. Alles ist schon da.

Gute Getränke. Leben, das mehr ist als Brot und Spiele.

Unkraut. Weil Gott nicht nur die Ordnung liebt.

Lichter, die nicht ewig brennen. Auch der Moment zählt.

/

Zufrieden: Was ich brauche, ist da.

Selig: Es gibt immer noch was Schönes.

Gelassen: Alles, was ich tue, ist begrenzt.

Aufmerksam: Das Wichtige kann immer jetzt sein.

Einsicht: Auch der Schatten frommer Dinge macht fromm.

Bredelar

Schau Dich nach Straßennamen um. Notiere sie. Schreibe einen Text aus den notierten Wörtern, ohne das Wort „Straße“ zu benutzen.

Ein Meister aus dem Mittelalter weist den Weg nach oben. Dort treffen sich Liederkünstler und Heilige, während unten das Leben schnurgerade organisiert ist. Mittendrin, auf der Osterwiese, tanzen Schwartmicken um die Wette, die anderntags im Zechitwerk malochen.

/

Ein Heiliger vor aller Zeit.

Sauerland – vor allen Menschen da.

Klänge aus einem fernen Jahrhundert.

Gelehrte vor Erfindung des Buches.

Fossile Werkstoffe.

Plakate werben für zukunftsorientierten Lebensstil.

Beringhausen

Setz Dich an einem guten Ort hin. Denk darüber nach, ob Du eher Fernweh oder Heimweh hast. Schreibe jemandem eine Ansichtskarte (sofern es an diesem Ort welche gibt. Ansonsten darf es auch eine Blankokarte sein).

Heimweh ist mir fremd.

Und Fernweh ist vermutlich auch getrieben von der Angst, schlussendlich tatsächlich irgendwo angekommen zu sein.

Deshalb ist das Leben genährt aus der Sehnsucht, aufmerksam für alles „dazwischen“ zu sein.

/

Es mag sein,

dass Menschen,

die Ansichtskarten schreiben,

sowohl Heim- als auch Fernweh haben.

Die Ansicht dieser Karte jedenfalls

Ist

LEER

/

Die Ansichtskarte ist eine aus der Zeit gefallene Möglichkeit, mit Anderen in Kontakt zu treten. Dabei besteht eine stille Übereinkunft zwischen Sender:in und Empfänger:in, dass eben jener Ort seine hochglanzpolierte Schokoladenseite zeigt, von der die Sender:in hofft, dass davon etwas auf ihr:sein zerbrechliches Leben falle. Dieses Upgrade teilt sie durch den Versand eines kleinen Stückchens Karton. Diese Hoffnung transzendiert „fern“ oder „heim“.

Bontkirchen

Suche einen Baum, unter den du dich setzen kannst. Mach einen Moment Rast. Achte dann auf das, was sich bewegt. Schreibe darüber.

Textle für Levke Louise

Bewegt sich alles, ist der Ursprung des Bewegens von außen. Bewegt sich nur ein Einzelnes, dann stößt es diese Bewegung von sich aus an. Auch Einzelnes kann von außen bewegt werden. Zum Beispiel der Grashalm, der von Babyfüßen erkundet wird. Geduldig lässt er die kleine Forscherin ans Werk. Sie ist von alledem sichtlich am meisten bewegt.

/

Wohin fliegen Gewitterfliegen eigentlich, wenn es nicht mehr gewittern will?

Wie gelangt der Geist heiliger Orte ins Blätterwerk der Baumkrone, die ihn überschattet?

Woher weiß eins, dass es lernen muss, die Welt mit Händen und Füßen zu erkunden?

Weshalb wächst der Grashalm nach oben und die Wurzel nach unten?

Weshalb und wozu gehen wir dorthin, wohin wir gehen?

Schwalefeld

Suche die lokale Küche. Schreibe eine Miszelle, in der die Nr. 10 auf der Speisekarte (sofern es eine gibt) eine tragende Rolle spielt. Sofern es keine gibt, beschäftige Dich mit dem, was heute besonders im Angebot ist.

Diemelforellen wissen, wann sie als Angebot auf der Speisekarte stehen. Dann verstecken sie sich unter Steinen, Hecken und Zäunen und warten auf die restlichen Tage der Woche, an denen die Menschen sich lieber von heimischen Eierpfannkuchen und dem Kotelett des Weideschafs ernähren.

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Es gibt Orte, an denen gibt es keine Angebote. Und man weiß gar nicht so genau, ob damit dann alles oder nichts im Angebot ist. Es mag auch sein, dass nur Eingeweihte überhaupt geladen sind, die über Insiderwissen verfügen, wann wo plötzlich was entsteht. Ich wünsche mir eine Welt voller solcher spontanen Angebote.

Lange Unwetterfahrt im Regen

ohne Worte

Twiste

Xenophilie ist die Vorliebe für fremde, unbekannte Dinge. Nimm für die Dauer dieser Aufgabe an, Du seist xenophil: Wohin zieht es Dich an diesem Ort? Beschreibe aus Sicht eines Menschen oder Dings dort Dich oder Dein Zuhause oder einen Aspekt Deines Lebens, der Dich wesentlich ausmacht.

Anderes Leben #langsam

Anderes Konsumieren #adfontes

Aufmerksamkeiten schüren #beschaulich

Gewissheiten trauen #aufeinRisikosetzen

Alles in tausend Farben #mehlspeisengrau

/

Zentrales Schockmoment für hüpfende Erdbeeren: Es gibt Dinge und Wesen, die verwurzelt sind, manche sogar in der Erde. Es scheint, als seien nur sie in der Lage, sich wirklich aufzurichten und den Blick gen Himmel zu lenken. Deshalb hausen wir lieber in metallenen Käfigen, wenn dies nicht gelingt, um uns von anderen freikaufen zu lassen.

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Fotocredit: Birgit Mattausch

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