#wortporträt.

Ein neuer Baustein in Sachen #playinglittlearts

„Er trägt Schuhe, die größer sind als sein Fuß“. Die ältesten Wortporträts stammen möglicherweise aus dem 3. Jh. v.Chr. Theophrast, ein Schüler des Aristoteles, hat sie auf den Straßen Athens aufgesammelt. Er nimmt Menschen wahr, wie sie sich in der Öffentlichkeit geben, sich in ihrem Haus verhalten und zeichnet ihre Wege nach. Aus all dem schafft er Wortbilder von hoher Farbigkeit und Prägnanz.

Für ein neues Spiel der #playinglittlearts, einer Reihe von Kleinkunstformen, die sich primär der ästhetischen Selbstbildung verschrieben hat, sekundär aber auch die Welt ein bisschen „besser“ machen will, haben wir uns  anTheophrast erinnert.

Im nun neu geschaffenen #wortporträt für unsere Zeit geht es nicht um den typischen Charakter, sondern um den und die Einzelne. Weil Menschen sich so verstanden wissen wollen. Wir erleben sie ausschließlich im öffentlichen Raum, und nur für einen Moment. Es entsteht so etwas wie ein literarischer Schnappschuss. Im Unterschied zu phänomenologischen Notizen, die etwa das eigene Schreib- und Reportagerepertoire erweitern, gehören unsere Miniaturen anschließend und ausschließlich den Menschen, die wir porträtieren. Es gibt keinen Standardtext, keine Kopie und kein Foto. Die kleinen Texte wandern in Klarsichthüllen, Rucksäcke, Bilderrahmen und möglicherweise auch Mülleimer. Nicht die Rezeption zählt, sondern das Moment. In gewisser Weise ist das, was wir schreiben, ein Auftragstext in Gegenleistung für die exponierte Situation, der Menschen sich aussetzen, indem sie sich mitten im Großstadtgetümmel auf einen freien Stuhl setzen und zunächst einmal „nichts“ passiert.

Porträtiersituation

Für die ersten „richtigen“ #wortporträts haben wir uns den Königsplatz in Kassel ausgesucht – einen unter absolutistischer Herrschaft vollständig durchchoreografierten städtischen Zentralraum, der bis heute von Inszenierung bis ins Detail geprägt ist. Ein Ort vieler Menschen, unterschiedlicher Geschwindigkeiten und bis heute klarer Regeln, was erlaubt und verboten ist. Die Ausübung von Kleinkunst, zum Beispiel, ist so eine Art Grundrecht, das gewährt werden muss, wenn keine triftigen Gründe dagegensprechen. Wir: mittendrin und doch niemandem im Weg. Wer in der Mitte ist, erzeugt Aufmerksamkeit. Allem Trubel zum Trotz. Wir werden gesehen. Und unterbrechen, ohne allzu aufdringlich zu stören. Doch zunächst nimmt kaum jemand unseren Faden auf. Wir sind flugs Teil der allgegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie. Und da schneiden wir schlecht ab. Die Menschen haben Pläne. Und sie wissen, was sie in einer Innenstadt erwartet. Sie rechnen nicht damit, überrascht zu werden. So üben wir das Porträtieren aneinander und entwickeln nach und nach Strategien, ob und wie wir mit Menschen in Kontakt kommen. Der Ort verändert Schlag um Schlag sein Angesicht. Es scheint eine Dramaturgie zu geben, wer hier zu welcher Uhrzeit üblicherweise zu sein hat. Und mit diesen Veränderungen werden wir zeitweise zu einem nachgefragten Angebot. Und zwar zu den Zeiten, in denen Menschen eher bummeln als rasen. Und wie so oft gilt auch: Wo viele sind, kommen auch viele dazu. Wir ahnten, dass uns Serienproduktion vermutlich überfordern würde. Aber was soll man schon tun, wenn so viele da sind?

Unverständnis, etwas zu tun, was nicht logisch ist und was man nicht vermarkten will. Mit unserer paradoxen Haltung verstören wir in der neoliberale Welt des Konsums. Und plötzlich lächeln die Menschen. Die, die eben noch aufgeregt waren, in diesem ungewohnten Situation: Zwei sitzen sich einfach gegenüber. „Das hat man ja sonst so nicht“. Nein, das hat man sonst so nicht. Sie lächeln, dass jemand sie sieht. Und sie lächeln dann auch, wie jemand sie sieht. Ein um so rareres Gut, je länger die Zeit andauert, die Menschen sich hinter Masken bewegen.    

Ein Wortporträt wechselt den Besitzer* die Besitzerin.

Das #wortporträt entsteht im Unterschied zu viele anderen Notierformen nicht unbeobachtet. Es hat eine Bühne und erzeugt eine Performanzsituation. Erst die Präsenz des gegenwärtigen Einander-gegenüber-Sitzens erzeugt den Raum, der gesehen wird und in dem es möglich wird, Worte zu finden. Und die Menschen: Sie sind alle da. Nicht die vielen, aber aus so vielen verschiedenen Segmenten unserer Gesellschaft. Nicht zuvörderst die, die ohnehin immer und überall gesehen werden wollen. Vermutlich liegt das daran, dass es ihnen eher darum geht, ein bestimmtes inszeniertes Selbstbild auf den Markt zu bringen, als in einer interaktiven Situation einen Moment aufzunehmen. Randständige sind die early adopter. Vielleicht liegt darin eine Gemeinsamkeit unserer Aktion mit dem, was der christliche Glaube tut. Zuerst kommen die, die am ehesten fremd sind im inszenierten Raum, der suggeriert, alles sei käuflich (wenn man es sich denn eben nur leisten kann). Sie sind gezeichnet von den Reibereien und Auseinandersetzungen mit dieser Logik und tragen oft alles mit sich herum. Was sie bekommen, fügt dem, was sie haben, etwas Erhebliches bei. Ich frage mich, ob die, die nicht so „funktionieren“, wie es unsere Welt vorsieht, vielleicht irgendetwas an ihr einfach besser verstanden haben.

Wortporträt (Ausschnitt, spiegelverkehrt)

Was man braucht: Ein paar Stühle, safe space, gutes unterwegstaugliches Schreibgerät. Ein wenig Übung in Notatformen und phänomenologischen Notizen. Das Vertrauen in the artist is present. All das ist nicht viel, um gute Dinge zu tun. Menschen fühlen sich verstanden, wenn sie dies erleben.

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Performance: #wortporträt mit @schmuttchen und @muchlinsky am 18. September 2021 in Kassel)

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