Wenn sich nichts reimt und alles zusammenwirkt.

Fingerübung über Hypervernetzung im Gespräch mit Peter Sloterdijk, in christlicher Perspektive. Aus der WinterWortwerkstatt 2022

In kalten Welten wachsen Zitronen in Treibhäusern. Treibhäuser sind kleine Klimakapseln, mit denen Du eine andere Welt betrittst. Es ist ein andere Welt, in der alles am guten Gedeihen liegt. Sie sind licht zum Himmel und bergend in ihren dunklen Ecken. Die rahmende Gewalt ihrer Existenz besteht aus Glas. Sie ist sichtbar fragil, droht leicht zu erblinden und immer hörst Du auch dieses Knallen und Klirren mit, das den abertausenden Scherben vorangeht. Dann, ja dann wäre alles verloren. Ein Sturm fegte über diese kleine Insel und passte alles der großen Umwelt an, die januargrau und kalt sich behauptete. Wenn hingegen alle Welt zum Treibhaus wird, leidet alles unter Treibhauseffekten. Gutes Gedeihen braucht demnach die gläserne Haut zu dem, was auch noch Welt ist.

Doch lasst uns zunächst in dieses Draußen schauen. Die Welt einzigartiger Wesen produziert eine ebenso große Menge an Grenzen. Die empfindlichste Grenze bildet der hauchdünne Film von Flüssigkeit, der ein Gas umgibt. Am Anfang war das Wort und die erste Bubble ward geboren. Und sie entschied, ihre Haut mit einer zweiten zu teilen. Früher haben gelehrte Männer gesagt, es gäbe keine Fenster zu den anderen. Jede hat ihr eigenes Ensemble an Sitten und Gebräuchen, an dos und don’ts. Ich aber widerspreche. Denn mit denen um mich herum teile ich nichts weniger als eine Haut. Sie ist unendlich flüchtig wie die Gischt auf frisch eingeschüttetem Schaumwein oder verlässlich wie Wände von Luftschokolade. Nur manchmal, da erstarren sie für immer wie erhärteter Bauschaum, fast unumkehrbar, den irgendeiner einsetzen muss, damit das Haus im Ganzen nicht ins Wanken gerät.

Wirklich versteht, wer macht, was er verstehen will. Schaum entsteht demnach durch Schaumschlägerei. Landläufig meint man, da wirbele jemand viel herum, ohne etwas zu bewirken. „Und wenn ich alles so geschaffen hätte?“, schlägt die, die alles geschaffen hat, vor. Ich halte mal besser die Klappe und signalisiere ihr, weiter zuzuhören. Vor dem Anfang, sagt sie, war die Welt nicht lesbar. Hätte es jemanden gegeben, hätte es sich keinen Reim auf nichts machen können. Tohuwabohu. Im Anfang ich. Mein Geist in alle Dinge. Manche lehnen sich an, anderes wendet sich ab. Die ersten Dinge sind amphiphil. Sie müssen etwas und das Gegenteil können. Ich erzähle Euch das vor allem, weil ich dieses Wort so mag. Amphiphilie. Heute erst habe ich es gelernt. Damit ist gemeint, was beides liebt: Wasser und Fett, damit überhaupt Bubbles entstehen, das ist reine Physik; Licht und Dunkelheit, Kälte und Wärme, Meer und Berge, mutig und ängstlich, fern und nah, fleißig und faul, klein und groß. Beides zugleich. Und es ward Abend und es ward Morgen, beides zugleich, und der, der alles in die Welt bringt, redet einfach weiter: Mein Geist wird umschlossen, eingeschlossen. Jedes Einzelne verbündet sich mit Anderen – teils freiwillig, teils zufällig. Connected isolation. Ein Ideal für unsere Zeit. Für sich und verbunden. Connected, isolated. Heimaten entstehen und die Ahnung, dass sich all dies nicht von selbst ereignet. So rede ich mit Leuten und sage: Das ist Transzendenz, Überschreitendes, und in meiner Welt heißt das: ‚Das ist gottgewirkt‘. Und im Unterschied zu allen möglichen anderen Transzendenzen bekenne ich, dass Gott zum Guten wirkt, zum guten Gedeihen. Und es geschehen Dinge. Durch jedes. Orchestriert und selbst-organisiert. Der Versuch, Grenzen zu verringern. Weil es sinnvoll ist. Das ist reine Physik. Es spart Energie. Raus aus der Bubble, sagen sie manchmal. Und einige schießen übers Ziel hinaus, verletzen notwendige Grenzen. Doch sie, die Grenzen, verbinden Wasser und Luft, Boden und Himmel, deinen eigenen kleinen Acker und alles, was Geist ist. Weltbildung ist das, Körper und Häuser und Städte, Ideen und Verstehen und Verwundbarkeit. Metastabil. Dies und das. Beides zugleich. Unauflöslich.

In unseren Welten wachsen Zitronen in Treibhäusern. Dies nicht allein, damit die Welt sommers und farbig wird und sonntags Lemoncurd auf dem Tisch steht, sondern weil sie Stabilität verleihen, ohne zu verfestigen. Säure stabilisiert Proteine, belehrt wikipedia mich. Die Kollegin sagt mit leuchtenden Augen, dass das kontraintuitiv sei. Wenn Du eigentlich denkst, dass Du jetzt etwas tust, was alles auflöst, und es genau dann besser hält. Fragil-verwundbar, geheilt durch einen Tropfen Zitronensaft.

Ich öffne also beherzt die scheppernde Tür und betrete Deine Insel. Ganz eigenes Klima, Ensemble von Sitten und Gebräuchen. Ich will dazugehören und gewöhne mich. Mal so, mal so. Ich folge angenehm-anregend-aromatischen Spuren der Zitronengräser, -melissen und -basiliken, die Weltschäume schützen und dem Winter trotzen. Und ich, ich staune über das miteinander voneinander getrennt sein, das Wunder der Ko-Isolation.

Und Gott herself verspricht, den Schneebesen nie wieder aus der Hand zu legen.

Ein Gedanke zu “Wenn sich nichts reimt und alles zusammenwirkt.

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