Off the map

 

Ansprache für den 4. Oktober 2018 (Evangelisches Studienseminar Hofgeismar)

 

 

I Kartographisches

 

Es gibt ja Worte, die gibt es eigentlich gar nicht: Lost places.

Verlorene Orte. Verlorene Worte. Lost.

Regelrichtig heißt es: off the map.

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

Von denen die Regularien unserer Welt sagen, dass es sie gar nicht gibt.

Häuser, die einfach stehen geblieben sind, obwohl sie niemand braucht.

Die Türen nur angelehnt, die Fenster trüb und eingeschlagen, Grünzeug, das aus allen Ritzen wächst.

Orte, die ‚im Kontext ihrer ursprünglichen Nutzung in Vergessenheit geraten sind‘.

Industriebrachen, Militärstützpunkte, Häuser mitten im Dorf. Auch in unseren Dörfern. Mitten im Herzen. Auch in mir.

 

II Biblisches

 

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

 

Es sind wenige Quadratmeter. Ein Sockel aus Stein. Eine Stele. Sie verbindet Himmel und Erde, haben die Alten geglaubt, und irgendwie ahnen wir das ja auch, dass es das gibt: das, was Himmel und Erde verbindet.

Unsere Erzähltradition ist voll davon: Man sagt, die Ahnväter des Glaubens hätten Gott gesehen und dort den Ort markiert, damit er nicht in Vergessenheit gerate. „Dieser Ort soll Haus Gottes heißen“.

 

Als sie ständig unterwegs waren, haben sie eine eherne Schlange mitgenommen, damit Menschen heil werden können, und der kluge Johannesevangelist erinnert nochmal dran: „So wie damals, so auch heute.“ Sie haben das alles im Nachhinein erzählt, die Leute, die die biblischen Schriften notierten, damit wir nicht vergessen, was dagewesen sein soll: An Nähe Gottes, an Heilung.

 

III Gegenwärtiges

 

So wie damals, so auch heute. Auf dem Königsplatz in Kassel, diesem Repräsentationsort aus einer Zeit, als man noch dachte, man könnte die Welt mit Hilfe der Vernunft ordnen – an diesem Ort sind Schrammen im Boden.

In der Onlineausgabe der HNA wird gestern ein Bild gezeigt, wie in Kran einen großen Steinblock in der Schwebe hält: Ich war ein Fremdling, ihr habt mich aufgenommen. Jesusworte.

Auf einem Zeichen von Macht und Kolonialismus, aus einer fernen Erzähltradition, Obelisk, in gewisser Weise zurückgekehrt, für mich: eine große Provokation. Für manche eine Provokation, dass er da war, für manche eine Provokation, dass er jetzt weg ist.

Ein Weckruf, der mitten in unsere Gesellschaft gehört. Fremdsein und Gastfreundschaft, jeder hat damit zu tun, um zurechtzukommen. Da bin ich fremd. Andere sind mir fremd. Ich nehme Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, um einen vorübergehenden Ort zu haben. Ich öffne meine eigenen Türen, lehne sie an, selbst wenn die Fenster trüb sind und das Grünzeug aus allen Ritzen wächst.

 

IV Auftragslage

 

Ist das Kunst oder steht das nur im Weg?, ein Mahnmal, nicht mittig, versetzt, jeder liest in seiner Sprache: ihr habt mich aufgenommen, ästhetisch zeitlos, je nach Perspektive sich zwischen Kirchentürme drängelnd:

Ich war fremd, mancher stellt einen Pappbecher ab oder die Plastiktüte mit allen Habseligkeiten. Das Mahnmal ist nicht mehr. Es ist Bauzaun, ein paar Schrammen im Boden, ein Eintrag im Katalog der documenta und ein paar verstreute Artikel im Internet.

[Im letzten Krieg glühten die Kirchtürme in der ganzen Stadt im Bombenhagel, bevor sie mitten im Feuer zusammensackten. Alle Habseligkeiten verbrannten und nichts war mehr. Und es dauerte lange – sehr lange -, bevor Bauzäune aufgestellt und Geschichten gesammelt wurden.]

Die Leben der Menschen, mit denen wir zu tun haben, sind ein paar Quadratmeter, die wir übersehen. Sie haben Schrammen und Spuren. Wir hören und beten und erzählen ihre Geschichten. Oft auch im Nachhinein. Weil es bei Gott kein off the map gibt. Weil Gott auch das Grünzeug geschaffen hat, das sich einfach überall den Weg bahnt, selbst durch Dienstbeschreibungen und Erprobungsgesetze.

43083422_2155603664473671_8855265963466031104_o

 

V Erkundungsstrategien

 

Lost places, das Wort gibt es eigentlich gar nicht.

Richtigerweise heißt es: off the map.

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

Von denen die Regularien unserer Welt sagen, dass es sie gar nicht gibt.

 

Manche machen sie sich zueigen. Kleben Bilder mit Tesafilm an die Wände und stellen einen wackeligen Tisch auf. Weil das Leben leicht ist, wenn es provisorisch ist.

Manche gehen auf Entdeckungstour. Explore everything, ist das Motto. Weil das Leben immer größer ist als das, was ich verstanden habe.

Andere machen hier Hochzeitsfotografien. Vielleicht weil sie die Sehnsucht haben, dass der Kontrast nie größer sein könnte.

 

VI Kasus: Ordinationsgespräch

 

Lost places, das Wort gibt es eigentlich gar nicht.

Richtigerweise heißt es: off the map.

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

Von denen die Regularien unserer Welt sagen, dass es sie gar nicht gibt.

 

Wir reden heute über das Amt des Pfarrers, der Pfarrerin in der postsäkularen Gesellschaft. Und ich glaube, dass es gut ist, sich nicht allzu viel Gedanken darüber zu machen, ob die Kirche gegenwärtig off the map ist. Nach meiner Einschätzung führt das in eine Sackgasse. Weil wir uns ständig an etwas erinnern, dem wir unterstellen, Menschen hätten es vergessen. Und das entfernt uns von ihnen und mich von einem Teil meiner selbst.

 

Denn Menschen sind von vielem bewegt, was auf keiner Landkarte steht. Und in einer Welt voller Funktionalität und Nützlichkeit entsteht rasch der Eindruck, all dies wäre dann gar nichts Wesentliches, gar nicht von Bedeutung, existiere möglicherweise gar nicht. Weil das so leicht off the map gerät:  Tränen und Fragen und Küsse und Sonnenaufgänge, die Dämonen in den Zimmerecken, die Pappbecher und Plastiktüten am Rande der inszenierten Welt und plötzlich Überraschendes, das eben noch nicht – jetzt aber schon.

Und das, obwohl anders gesprochen wird: Achtsamkeit, privates Leben und Gesundheit sind schließlich rhetorische Megatrends.

 

Im Pfarramt ist all dies: Ich mag die funktionierende Kirche. Die das erledigt, was nötig ist, damit das Evangelium zuverlässig und auf Dauer gestellt verkündigt werden kann.

 

Und ich mag das Dysfunktionale an der Kirche. Nicht alles ist nützlich. Und ich bin gemahnt zur Ideologiekritik: Nicht alles, was ständig gesagt wird, ist auch wahr.  Wir hören dieser Tage (Erntedank!) aus dem Lukasevangelium die Erzählung, dass zehn Menschen geheilt werden. Neun gehen ihres Weges, einer kehrt um und dankt. Und der Evangelist erzählt davon. Und wenn all dies Kirche wäre? Nicht nur, wie die klassische Auslegung annahm, dieser Eine und 90% der Welt voller Undankbarkeit wäre? Alle werden heil, doch einer dankt. Und einer erzählt davon.

 

Ich meine, dass dieses Danken der Grund dafür ist, dass wir überhaupt fähig sind, uns zu lost placesaufzumachen. Deshalb dankt Gott, dankt, und hofft auf ihn.

Und am Ende dieser ganzen Sache mit dem Amt und dem Pfarrerinsein und der postsäkularen Gesellschaft, da könnte es doch so sein, dass einer zu Dir sagt: Ich war fremd. Und Du hast mich aufgenommen.

 

Amen.

 

 

Fotocredit: Regina Oesterling– mit herzlichem Dank!

Advertisements

Kleiner Brief Trost in einem großen Buch

Miszellen zum Predigttext am 2. September 2018 (I Thess 1, 2-10)

 

I

Paulus‘ erster Text ist Trostbrief.

Ein kleiner Brief in einem großen Buch.

Ein große Kirche ist ein kleiner Brief

Für die ganze Welt.

 

 

II

Trost in den Windschatten

Der Mahnmale unserer Städte legen,

dazu gib Mut, Gott.

 

Für provozierende Worte und Taten,

für demokratischen Sachverstand,

für die, die der Angst zuhören und

jedem in die Augen sehen.

 

Eindringlich sei, Gott, weiche nicht,

wenn wir irren oder verstummen.

Halte in Angst und Ohnmacht.

 

Wir hoffen inständig,

#wirsindmehr, Gott,

einstehen für Vielfalt und gleiche Rechte für

ausnahmslos

alle,

doch wenn uns diese Gewissheit trügte,

wir nur die Wenigen wären,

stell uns das Wort an die Seite,

an unsere Bettkanten, auf die Merkzettelchen am Computer,

und auf die Klingelschilder derer, mit denen wir leben,

stelle uns das Wort an die Seite,

aus dem wir leben und frei sind.

 

III

ort zum denken

ort zum beten

ort worte aufzuheben

ort zum erklingen

ort zum tun

ort zum lassen

ort von gewissheit

ort von verunsicherung

ort heiligen experiments

ort um an die Hand genommen zu sein

ort Eigenes zu lernen

zieh die schuhe aus

für heute poliert, schwarz

sneakers wie hufe, hoffähig

die noch die sonne des sommers atmen

die die schweren schritte gegangen

eine sonnabendnacht durchtanzt haben

zieh die schuhe aus

es ist heiliger

boden.

 

IV

Ich bin Ende der 70er Jahre geboren. Das Thema Faschismus kam im Geschichtsunterricht, im Gemeinschaftskundeunterricht, im Religionsunterricht, im Deutschunterricht. Ich weiß, wie wir so üblicherweise die Geschichte unseres Landes erzählen, ich weiß von psychologischen Experimenten, die dem allgemein Menschlichen auf die Spur kommen wollen, ich habe ideologisierte Literatur gelesen und die des Widerstands. Einer meiner Vorgänger an der Stiftskirche Windecken hat brillante theologische Literatur hinterlassen – und zugleich Texte, deren politischer Opportunismus mir heute noch manches Rätsel aufgibt. Der Riß geht mitten durch die Kirche. Ich weiß das und will es nicht vergessen. Auch nicht für mich selbst. Ich habe unzählige Filme von Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht gesehen, mit verwackelten historischen Aufnahmen und Experten, die wortreich alles Mögliche erklärten. Ich war in Bergen-Belsen, Buchenwald, Auschwitz und Yad Vashem. Meine Eltern hatten Kriegsnarben am Körper und im Erziehungsstil. Natürlich habe ich Kirchengeschichte V gehört und im Vikariat Heitmeyers Deutsche Zustände gelesen. Meine Konfirmandinnen haben Stolpersteine geputzt und am 9. November habe ich an Synagogen Ansprachen gehalten.

 

Vor wenigen Wochen. Ich fahre mit dem Regionalexpress von Kassel nach Halle. Kurz hinter Nordhausen setzen sich zwei Frauen mir gegenüber. Ihre Worte überholen auf dem Weg zu meinen Ohren den Text, den ich in Händen halte. Früher, da sind sie sich einig, da konnte man noch die Haustür unabgeschlossen lassen. Und dass die Kinder sich von Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen – es ist doch klar, wer daran schuld ist. Ich schaue möglichst unbeteiligt aus dem Fenster. Aggression ist für das vegetative Überleben notwendig. Doch wie schleichend wird sie hart und blind und wandert auf die Straßen und besetzt Räume in Köpfen, Filterblasen und Städten und schaltet das Denken aus. Ich tue, als hätte ich mit all dem nichts zu tun, stelle die Musik lauter und überarbeite weiter meine Texte. Dass ich später am Tag höre, dass das, was ich hörte, doch jetzt hier gang und gäbe sei und man überhaupt nicht mehr überall in der Stadt hingehen könne, macht es auch irgendwie nicht besser.

 

Vor vielen Jahrhunderten. Paulus diktiert einen Brief. Immer neu, immer andere Worte. Gar nicht so einfach. Das hatte er sich einfacher vorgestellt. Ihr kennt diesen Text, an die Thessalonicher im ersten Kapitel. Umzingelt sind sie, die Christen, von Feinden und dem Tod. Das Gemeinsame daran ist, der eigenen Fähigkeit, frei und selbstbestimmt zu handeln, beraubt zu sein.

 

Mir geht es ähnlich. Ich sehe Bilder in der Zeitung und dann notfalls auch im Fernsehen, die mich handlungsunfähiger zu machen drohen. Ich weiß nicht mehr, ob es ausreicht, nur das zu tun, was ich tue. Ich weiß nicht mehr, ob es gerade richtig wäre, noch weniger oder doch etwas ganz anderes zu tun. Paulus wählt die Form des antiken Trostbriefes. Und ich frage mich: Was sind heute Gestalten des Lebens, in denen wir Trost vermuten?

Und Paulus erinnert an sich und an die Dinge, die in der Vergangenheit gut waren, um Schwieriges zu überstehen. Und ich frage mich: Wo sind heute zuverlässige Verbündete, die für den demokratischen Staat und die vernunftklare und glaubensringende Kirche stehen?

 

Und wenn ich nochmal von Kassel nach Halle fahre, lege ich Manuskript und Musik zur Seite und versuche das mit dem Zuhören und dem Trost.

 

WildWaldWelt

Burgdorf. 19. August 2018

 

Es könnte Sehnsucht sein.

Die Sehnsucht nach ursprünglicher, unberührter Welt.

Abseitige Welt jenseits des Abseitigen.

So wie sie wäre, ohne all das, was nicht sein sollte.

Sehnsucht

nach dem, was immer schon so war.

Und unbeeinflusst von dem, was wir tun.

Die Welt, die größer ist.

Die Welt, die älter ist.

Die Welt, die weiser ist.

 

WaldWelt bemüht andere Welten.

Eine schreibt ein Buch dazu.

Zwei fragen: Ob das ein Bild für die Kirche ist?

Und wir sagen: Lasst uns das auf den Tisch bringen.

Dreierlei kann ja nicht irren.

 

Auf den ersten Blick wieder bei Farben landen.

GrünGrünGrünGrün

Kräutergrün

Waldmeistergrün

Brenesselgrün

Lichtungsgrün

Alles, was am Boden ist:

Pilze und Beeren und Wurzeln

und vordergründig Verborgenes.

Trüffel.

Aber wer weiß eigentlich, wo Maulbeeren wachsen?

 

Und dann sind da

All diese wilden Dinge

Pflanzen, kriechend und schlingend,

nährend und schmarotzend,

dazu auch die wilden Tiere.

Anderthalb Kilo von Oma,

„lass da lieber die Anderen dran, mein Kind.“

 

Bilder fremder Welten in Büchern.

Jäger und Gejagte.

So wild. Zu wild. Verwildert. Ausgewildert.

Gejagt, gesammelt., gezähmt.

Erdig, unansehnsichlich, selten süß.

Raus aus dem Schutz der zivilisatorischen Welt,

in der alles vakuumiert, portioniert zuhanden ist.

Hinein in die Welt, die alters zuerst eine Schutzwelt war.

Schutz vor Anderen. Schutz vor Wetter.

Offenes Feuer. Ein Dach über der eigenen Welt.

 

Welt feiner Unterschiede.

Bodenweich und felskantig.

Mitteleuropäischer Mischwald meets Jungle.

Jingles helfen auf:

„Spielen Sie Vogelstimmen ein, das erleichtert Ihren Teilnehmerinnen die Mitarbeit“, rät die Literatur.

Kinder übernehmen Junglejingles,

und Manches tust Du nur, wenn der Löwe hinter Dir her ist.

Waldchaos bot Schutz, damals, gegen die geordneten römischen Truppen.

Und mit der Selbstwirksamkeit ist Macht geboren: Alles ist nutzbar.

Zum Feuern.

Zum Häuserbauen.

Zum Überleben.

Und alles gehört allen.

Walnussmehl und WoodWitch

Wie auch der Teich,

löschwassern,

an dem die Dorfjugend Berentzen Waldmeister kreisen lässt.

Leben, das seine rauhe Rinde mit einer feinen Goldkante verknittet hat.

Sätta guldkant pa tillvaron.

Unterschlupf für HänselGretelHexen im Kelsterbacher Wald.

Startbahn-West und die Sache mit der Sehnsucht.

 

Von den Blätterkronen lassen Buchstaben sich herab und fallen

>>>

>>>

>>>

auf Brotzeiten aus Pilzen in pastellkühlem Abendlicht.

 

Einer sagt heute: „Keine Identität des Menschen darf als seine einzige Identität oder Zugehörigkeit verstanden werden.“

Mal Hänsel, mal Hexe, mal Holunder,

heute Jägerin, morgen Sammlerin,

heute Schutzsucher, morgen Farbenfänger für den Winter.

Heute im Chaos Versteckte, morgen Ordnerin die Welt.

Heute allen alles, morgen auf dem Eigenen bestehen.

 

Jeder Wald in Mitteleuropa ist eine Kulturleistung.

Nichts daran ist zufällig, so sehr es anders scheint.

Begrenzt groß. Begrenzt alt. Begrenzt weise.

 

Ein Dschungel ist kein Dschungel.

Die Sehnsucht klöppelt dem Leben die Goldkante an.

Holunder und Schokolade gehen immer.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

Verbinden statt verfangen

 

Gastbeitrag aus Anlass des 100.  Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland (für: https://www.frauen-netzwerken.de/blog/)

 

Am 16. Oktober 1994 durfte ich zum ersten Mal „wählen gehen“. Wie das ging, wusste ich vom „Über-die-Schulter-Schauen“ bei meinen Eltern. Ich ahnte, dass es irgendwie etwas besonders Wichtiges war. Und dass man es eben tat. Und weitgehend unabhängig vom jeweiligen Tagesgeschehen immer die gleiche Partei zu wählen, trug zur Stabilität ihrer Welt bei. Aber das ist auch eine andere Geschichte.

 

Zumindest in meiner Erinnerung ist es so, dass es sich für mich unbestimmt bedeutungsvoll anfühlte, die viel zu ausgetretenen Stufen des viel zu in die Jahre gekommenen Bürgerhauses zu erklimmen, um Erst- und Zweitstimmen zu verteilen. Ich wuchs mit der Gewissheit auf, die Zukunft – mehr oder minder innerhalb bereits bekannter Parameter –  planen und das Leben gestalten zu können. Im gleichen Jahr nahm ich zum ersten Mal an einer feministisch-theologischen Basisfakultät teil. Ich ahnte, wie Geld und Bibel und Politik zusammenhängen und staunte, dass es Nischen an Universitäten gibt, an denen gleichzeitig gearbeitet, gedacht, gebetet und ein Puzzlestück Leben miteinander geteilt wird. Ein Jahr später dann: reif für die Hochschule, attestiert „sehr gut“, obwohl die Herkunftsfamilie immer wieder fragte, wozu Mädchen eigentlich Abitur brauchen. Über lange Jahre hielt ich für völlig selbstverständlich, wofür Menschen jahrzehntelang gekämpft haben: Wahlrecht, Stimmrecht, freier Zugang zu Universitäten und freie Berufswahl. Es war mir selbstverständliches Erbe. Wirklich zu denken gibt mir dies erst in jüngster Zeit, wo es nicht mehr quasi-zwangsläufig und selbstverständlich zu sein scheint, dass sich unsere Gesellschaft kontinuierlich zu mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Pluralität hin entwickelt. Wo Menschen vielmehr überwiegend dortbleiben, wo sie sind: Bei der Familie, bei ererbten Werten, in der Heimatregion. Klare Grenzen werden gezogen, klare Regeln herrschen. Entwicklung, Experiment, Auseinandersetzung um Orientierung in chaotischen Situationen – all das hat einen schweren Stand, wenn traditionelle Leitbilder und der Rückzug ins Private attraktiver werden. Man wird das dem Einzelnen nicht zur Last legen und sich doch fragen: Was ist mein Beitrag daran, dass sich diese gesellschaftliche Wende angeschlichen hat?

 

Netzwerke verfangen dann eher zu Echokammern individueller Gewissheit, als dass sie Menschen verbinden. Nur, wer sich diesen mächtigen Sogwirkungen entgegenstellt, setzt auf das Verbindende von Netzwerken. Und dies nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil es nahezu unkontrollierbare shitstorm-Mechanismen geradezu erzwingen. Über Jahrtausende sind Bilder gesellschaftlich prägender Identitätsgeschichten ganz handfest am Webstuhl gewoben worden, um Inhalte fürs kulturelle Gedächtnis zu produzieren und zu erinnern. 100 Jahre Wahlrecht für Frauen erinnert an das emanzipatorische Potential, das Gesellschaften zu eigen ist. Ich persönlich höre das als Verpflichtung, die Gesellschaft, in der ich lebe, dahingehend offen zu halten. Dafür einzutreten und dafür das Wort zu erheben. Wir tun das schon lange nicht mehr an Webstühlen. Netzwerke heute verweben analoge und digitale Spuren zu ganz neuen Räumen. Die Kirche ist aufgrund ihrer Skalierungsfähigkeit eine solide Grenzgängerin in solch instabilen Räumen. Zu Demokratisierung trägt bei, zwischen allen Knoten und Fäden  Menschen über ihren privaten Nahbereich hinaus eine Stimme zu verleihen, so dass meinungsvielfältige Öffentlichkeiten geschaffen werden. Seiltänzerinnen zwischen den (oft unscharf bestimmten) Logiken unserer Zeit ermöglichen so, dass soziale Zusammenhänge imaginiert werden können, dass Vertrauen aufgebaut wird und mit ihm soziales Zutrauen. Demokratisierung hat damit heute immer auch decouvrierend-aufklärerischen Charakter: Sie zeigt etwas auf, was vorher nicht in dieser Weise sichtbar war. Projekte in Grenzräumen wie #stationpoetry gehören in diesen Zusammenhang: Sie geben Orten eine Stimme, richten den Blick auf das, was für neoliberales Verwertungsdenken unnütz ist, bringen Menschen zusammen und ermutigen zur eigenen Gestaltung des öffentlichen Raums. Der öffentliche Raum wäre für mich – und andere – nicht mittels Inszenierung und Performance nutzbar, wenn wir uns nicht einem Netz emanzipatorischen Denkens, Fühlens und Handelns verbunden wüssten, dessen Knotenpunkte Ermutigung und Mahnung zugleich sind.

 

 

 

Im Ende am Anfang – eine Kasualpredigt

 

 

Gepredigt am 9. August 2018, 18h

in der Brunnenkirche Hofgeismar-Gesundbrunnen

(Evangelisches Studienseminar).

Für den Vikariatskurs 2018.

 

 

I Themenfindung, Fehlerfreundlichkeit, Rückseiten

 

Themapredigt. Am Ende dann doch (endlich).

 

Was ist das Thema Ihres Vikariats? „Entwicklung, Freude, Vielfalt, Segen, Sendung, Zuspruch, Stärkung, nur-nicht-Klassisch, Hiob und Hoheslied, die Sache mit dem Auftrag, und was ist heute eigentlich religiös interessant?“ So viele große Worte. So viele große Themen. In so vielen kleinen Geschichten. Und das alles auch noch auf der Rückseite einer Predigthilfe. Ich staune.

 

Um was geht es denn eigentlich?

Bei der

Entwicklung von – zu,

der Freude an,

der Vielfalt in,

dem Segen zu,

der Sendung wohin,

dem Zuspruch wofür,

der Stärkung wozu,

dem nicht-nur-Klassisch – weshalb denn eigentlich,

dem Auftrag – was zu tun?

 

Jetzt also auch noch: Viele große Fragen. So schnell geht das: Zwei große homiletische Fehler in nicht mal 90 Sekunden: Erst am Anfang das Thema verraten und dann auch noch die Hörerinnen mit rhetorischen Fragen an die Wand spielen. Doch weiter im Text!

 

II Agendarisch-anfängliches Pfarramt

 

„Unser Dienst besteht darin, zu hören und zu beten…“

 

Pfarramt ist hören und beten, und feiern und lehren und lernen, predigen, taufen, teilen, ermutigen, bezeugen, gewinnen, sich sehnen, aufmerksam sein, zweifeln, mitfühlen, reden, reisen,  klagen, danken, Gott denken.

 

Und wohin jetzt mit all dem?

IMG_4392

Lasst uns im Ende am Anfang bleiben.

Am Anfang ist das Hören.

Im Anfang ist das Wort.

 

III Kirchentheorie (1): Konservativ, Echo und die Sache mit dem einen freien Wunsch

 

Wenn nicht an dem Anfang, so doch an einem Anfang steht die Zeit hier im Studienseminar. Konservative Kirchentheorien sagen (und ich weiß, dass ich mich dafür wohl noch werde rechtfertigen müssen): Vikariatskursausbildung ist eine Konventskirche. Was hört man da eigentlich?

 

Da sind verhaltenes Gemurmel und erhobene Stimmen, Tellergeklapper und Rasenmähermotorengeräusche, Anmutungen von Waldakustik und Glockengeläut, Piepsen bei jeder Fotokopie, ganz gleich, ob sie jemals für Aha-Effekte sorgen wird oder nicht. Eine Welt dosierten Rauschens, das die Zuversicht ausstrahlt, dass doch alles irgendwie geordnet sein könnte. Zumindest mal hier und zumindest mal für jetzt. Zuallererst aber denke ich an den Nachklang in der Lippoldsberger Klosterkirche. (instrumental, mit Echo: EG 156 Komm, heilger Geist, erfüll die Herzen Deiner Gläubigen)

 

Manches wird nachhallen. Sie werden sich an Dinge erinnern, die gesagt wurden. Die Sie haben nachdenklich werden lassen. An die Sie sich erinnern, und niemand hat es je gesagt. Über die Sie, wenn auch manchmal viel zu wenig (ich weiß: das können Sie wirklich nicht mehr hören), gestritten haben.

 

Es mag auch im Pfarramt so sein, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Es kann so viel sein. Es kann alles so wichtig sein. Es ist alles dann doch so neu. Es ist leicht, dann zu fragen: Was bringt mir das? Wozu nutzt es? Man kann so mal ein paar Tage überleben. Doch die Dinge des Glaubens sind nicht in einer Rezeptsammlung zu verwalten, wo ich nur die richtige Seite aufschlagen muss und alles ist gut.

IMG_4393

Vielmehr mag es so sein, wie bei jenem jungen Mann, der sich aufmachte, aus der Stadt, zu einem besonderen, heiligen Ort. Einem Heiligtum. Er wartete. Er betete. Er schlief. Und, so wird erzählt, Gott zeigt sich. Gott hält sich nicht verborgen. Einen Wunsch hast Du frei!

Wenn Du Dir vorstellst, Gott würde Dir einen Wunsch erfüllen, für Deinen Dienst als Pfarrer, als Pfarrerin, als lebendige Stimme des Evangeliums in unserer Zeit, in Deiner Welt – – –

 

(I Kön 3, 9):

„Gib Deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk gut zu regieren und zwischen gut und böse zu unterscheiden vermag.“

 

Und es wird erzählt, dass es so geschieht. Es gibt da in unserer Tradition ein hohes Zutrauen in die Verbindung von Wahrnehmung, Hören, und Verstand. Das Herz ist der Sitz des Verstandes.

 

Weshalb ist das wichtig? In einer konventualen Welt könnten wir die Dinge ja auch einfach so hinnehmen, wie sie sind. Sie sind doch mindestens deshalb wahr, weil wir uns darauf verständigt haben, dass wir sie für wahr halten.

 

  1. Kirchentheorie (2): Zugig, Plüschtiere und der Ton, in dem Gottes Welt beschlossen ist

 

Andere Kirchentheorien sagen: Vikariatsausbildung findet auf der Schwelle statt. Und was hört man da? Ein immer zugiges Lüftchen, manchmal auch unangenehmen Sturm. Vorbeilaufende Leute. Das Klicken der Schlösser am Auto, die Bahnansage, meine eigenen schnellen Schritte auf dem Weg zwischen Hier und dort und Schule und Studienseminar und Arbeitszimmer und Pfarramt und: eigentlich sind überall Orte und Brüche und Leerstellen und Unorte, an denen so viel zu sehen und zu sagen ist. Auf der einen Seite, vielleicht sogar „drinnen“, was immer ein heimatliches Geräusch ist, auf der anderen Seite Worte, die ich nicht verstehe, Einstellungen, die ich nicht teile, Sofas voller Plüschtiere von der Kirmes und klebrige Küchentische, von denen ich ehrlicherweise irgendwie auch nichts anderes als schnell weg will. Auf der Schwelle ganz da. Hier ist es vielleicht nur ein einzelner Ton (ab hier im ganzen Abschnitt ein einzelner, feiner, hoher Ton), und keine ganze Kantate, die zu hören ist. Ein Ton, in dem Gottes Welt beschlossen ist. Und damit bin ich wieder beim Herz. Das Herz achtet die wenigen, leisen Töne. Und es tut dies nicht aus moralischen Gründen – weil wir doch immer auf der Seite der Kleinen, Armen und Entrechteten zu sein hätten. Das Herz hat keinen erhobenen Zeigefinger. Und es tut das, weil es schlicht klug ist.

 

Das Hören, das unser Dienst ist, ist ja etwas Anderes als akustischer Klang. Hören hat die eigentümliche Eigenschaft, dass es uns sofort sehr nah ist. Wir können uns ihm kaum entziehen, selbst durch die ausgefeilteste Technologie nicht. Es imponiert sich, ohne dass wir eine echte Wahl hätten.

 

  1. Strategie I: Distanz – die gegenwärtig drohende Häresie der Kirche

 

Manche sagen dann: Ich ziehe mich zurück. Ich will nicht mehr damit rechnen, etwas wirklich Neues, Veränderndes zu hören. Wer taub ist, hört aber nicht nur nicht. Er hat auch keinen Zugang zu Begriffen, Vorstellungen und Einsichten. Ob dieser Preis nicht zu hoch ist? Diese vermeintlich heile Welt? Wir kennen das ja auch in unseren Kirchen.

 

VI: Strategie II: Nähe – Derrida meets Apostelgeschichte in der Ladenkirche

 

Viele hat die Macht des Hörens schon skeptisch gemacht: Es sei eine unzulässige Intimität, die da entstehe. Zu schnell werde man doch hörig. Da kommt jetzt das Herz ins Spiel. Es gerät dann ins Schwingen, wenn etwas von Gottes Welt in ihm anklingt. Weil das Herz die Wohnung von Gott selbst ist. Ähnliches erkennt Ähnliches und gerät in Schwingung. So entsteht Gewissheit, dass es mehr gibt als mich selbst. Dass der Grund meiner selbst inmitten meiner selbst außerhalb meiner selbst liegt. (Solche Sätze funktionieren in einer Predigt natürlich ausnahmslos nur heute): Dass der Grund meiner selbst inmitten meiner selbst außerhalb meiner selbst liegt. Und das macht kritisch. Loyal kritisch gegenüber den eigenen Dingen und loyal kritisch gegenüber der Kirche. Ernst Lange hat vom „institutionalisierten Widerspruch der Kirche“ gesprochen. Die Bibel sagt’s ganz schlicht: „Glaube kommt aus dem Hören“. In zweierlei Hinsicht ist das denen Trost, die es aus dem Brief, den Paulus an die Gemeinden in Rom schickt, hören: Es geschieht jetzt. Es geschieht für alle. Der Moment, etwas zu hören, lässt sich weder konservieren noch wiederholen. Der Moment, etwas zu hören, macht nicht halt vor den einen oder anderen. Es mag sein, Ihr verbindet auch solches Ereignis mit dem Leben und Arbeiten mit dem Studienseminar. Wir haben dafür eine Grunderzählung in der Bibel: Menschen sind, mehr oder minder zufällig, an einem Ort zusammen. Sie hören. Es wird viel gesprochen. Ganz Unterschiedliches. Lebendig ist die Stimme der guten Botschaft. Es sind auch fremde Worte dabei. Es sind auch fremde Worte von Menschen, die mir erstmal fremd sind. Da ist auch Schwellenangst. Die bleibt im Pfarramt. Egal, was Ihr sagt oder hört, dass doch alle eingeladen seien oder jeder kommen könne oder alle willkommen seien. Es geht also durcheinander, es ist unübersichtlich, verwirrend, bunt, und ich stelle es mir auch laut vor, damals in Jerusalem. Doch jeder hört in seiner Sprache. Die Kirchenkundigen nennen das Pfingsten. Pfingsten ist kein Sprechwunder, sondern ein Hörwunder. Weil Gott, Ihr erinnert Euch, eben ein hörendes Herz gibt. Diese Gabe ist ein Werk des Heiligen Geistes. Gott schweigt nicht. Gott gibt die Fähigkeit zu hören. An den definierten kirchlichen Orten Deiner pfarramtlichen Welt (Stichwort: Konventkirche), und an den Schwellen. Nirgends schweigt Gott. Deshalb hört!

IMG_4394

VII: Agendarische Worte und Stille als maßstäblicher Ort

 

„So wirken wir am Aufbau der Kirche mit. Dabei wird jeder von uns seine Fähigkeiten einsetzen und die gemeinsamen Aufgaben mit anderen teilen.“

 

Zwischen Konventskirche und Schwelle: Schnittmenge Stille. Wort in wortloser Welt. Wort in schweigender Welt. Weil ich mich genau dort der Erfahrung nicht entziehen kann, dass Gott sich hören lässt.

 

STILLE

 

 

Amen.

 

 

 

#stationpoetry

Ausgestattet mit Proviant, Kamera und Reiseschreibmaschinen machen sich Julio Cortázar und Carol Dunlop eines Sommers auf den Weg von Paris nach Marseille. An jedem Rastplatz halten sie an. Schreiben Dokumentationen in ein Logbuch. Ethnographisch, zwiesprechend. Expeditive Literatur. Das war 1982.

Wir, Birgit Mattausch und Friederike Erichsen-Wendt, spielen in diesem Sommer eine Variation dieser Performance. Wir starten an verschiedenen Orten. Halten an ausnahmslos jedem Bahnhof an. Folgen Schreibregeln und den Alltäglichkeiten des Ortes. Wenn es gut geht, werden wir uns einmal zwischenzeitlich begegnen.

Die Texte, die wir an jedem Ort schreiben (müssen), setzen wir dort aus und nehmen sie zugleich mit. Jede und jeder kann durch eigene Texte und Kommentare von jedem beliebigen Ort aus am Ganzen mitweben. Wir posten von jedem Ort das Bahnhofsschild und die Schreibregel, die wir uns zugelost haben, über unsere Social-Media-Accounts (sofern es der Mobilfunkempfang zulässt). Wer immer mag, kann unter diesen Fotos etwas beitragen. Voraussichtlich werden wir erst nach Ende der Performance reagieren können. Wir planen aber, aus dem gesamten Textmaterial etwas Neues zusammenzufügen.

Ab 11. Juli also: #stationpoetry

Fünferlei Etüden für den Rand bewohnbarer Welten

 

I

Josefstal ist,

wo Bäume beten,

Krähen kreischen und Jugendliche auf Kinderspielplätzen,

doch auf dem Flur, da ziehen sie die Schuhe aus – heiliger Boden?

Josefstal ist,

auf den Gipfeln den Schnee zu sehen und gleichzeitig unten das Tanktop herauszuholen,

wo Bäche und Blätter rauschen und Busse Dich direkt bis vor die Haustür fahren.

Ich aber,

ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

IMG_4195

II

Josefs Tal ist,

wo Du die Kleinste bist,

obwohl Du doch gar nichts dafür kannst und trotzdem alle neidisch sind,

weil du ja, ach, immer die schönsten Kleider bekommst,

Neues, was nicht abgetragen werden muss, von all den großen Brüdern,

alle neidisch sind,

weil Du tanzen kannst, oder auf Bühnen reden, oder schlaue Sachen sagen, in die Ferne mit dem Rad fährst, oder es dich einfach traust, auch mal ‚Nein‘ zu sagen, auf dem 10-Meter-Turm.

Du kannst ja gar nichts dafür und landest doch ganz unten: Josefs Tal, hinabgestoßen, in diesen fiesen Brunnen mit Mauern ohne Halt, dort unten: Schlamm, muffig, kalt, kaum Licht. Finsteres Tal und Du fürchtest Unglück. Denn Du weißt gar nicht wie und vor allem auch nicht warum. Weit, weit, weit hebst Du Deine Augen, um zu den Bergen aufzusehen.

 

III

Josefs Tal-ent ist das Zimmern: Haus gebaut, alles Eigenleistung, Heimat. Endlich. Welt geordnet.

Und bald soll geheiratet werden, Maria.

Wenn doch mal alles wäre, wie man so sagt, wie es sein soll. Geordnete Verhältnisse.

Und dann das: ein Kind. Das Kind eines Anderen.

Zu einer Nacht hätte er ja vielleicht nichts gesagt. Aber dann war da ja noch die Sache mit dem Engel und Gott und so und was soll man denn da dazu eigentlich noch sagen?

Josefs Tal: Ruf ruiniert. Nix mehr mit ehrbarem Handwerk.
Und keiner hebt seine Augen auf zu den Bergen. Nein, Gott, bleib mir nur fort! Das mit dem Engel in den eigenen vier Wänden war wirklich mehr als genug.

 

IV

Josefstal – Zuhause auf Zeit für uns. Zwischenstopp am Rande des bewohnbaren Bayern. Ein paar Schritte bergauf, dem entgegen, woher Du Hilfe erwartest.

Josefstal – wo Badezimmer Duschkabine heißen, Duschkabine Nizza und aus Delmenhorst stammen.

Dem Delmenhorst, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren und man überhaupt noch Postleitzahlen brauchte, weil man überhaupt noch Briefe schrieb.

 

Eine ferne Welt,

gefühlt doch fast so fern wie Josef aus Nazareth, der aus Bethlehem, der Stadt Davids, stammte, und wie Josef, der mit den vielen großen Brüdern, den es nach Ägypten verschlug, doch Gott –

 

Er gedachte es wohl zu machen, all diesen Menschen zwischen all diesen Welten wie wir.

Und wir träumen: in Delmenhorst von Nizza und in Josefstal von München und in Nürnberg von Lyon und – – –

IMG_4191

V

Plagiat ist auch nur ein Anagramm für Tal. Fast wenigstens. (Angelehntes Texten – ich erinnere nur mal dran…)

 

Quelle A – Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit, Haus B, Untergeschoss, rechts neben Zimmer 01:

 

„Was allen gut tut: Üben Sie! Unterlassen Sie! Benützen (benützen??) Sie! Zu Ihrer Sicherheit. Die Missachtung kann zu kostenpflichtigem Einsatz von Rettungskräften führen.“

 

Quelle B – Mündliche Unterweisung:

 

„Denkt an die Kinder. Rauchen nur zwischen Brücke und Straße. Auf der einen Seite Kinder, auf der anderen Seite Autos.“ Du hast die Wahl.

 

Beobachtung, notiert am 7. Mai 2018, 22.30-22.45h: keine Autos, keine Kinder.

 

Letzte Quelle – Duschkabine Nizza:

 

„Zigaretten bitte nur hier ablegen! Cigarettes only here please! Cigarette seulement ici s’il vous plait!“

 

Nizza-Orte: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf.

 

Epilog

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt. Nicht, weil es Pflicht wäre, sondern weil der Krieg lehrte, dass es diesen Ort braucht: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf, anderswo. Die Täler. Die Klagen aus den tiefsten Brunnen, aus Schlamm und Muff und dieser verfluchte Neid, das heimliche Staunen über spielende Halbwüchsige und die Augen, die die Berge suchen, zu denen sie aufsehen können.

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt, die Josefstaler, weil sie dem trauen und ahnen, dass Gott es gut macht.

Nizza-Orte, wo Bäume beten und Krähen kreischen und endlich Heimat ist und Du alles ablegen kannst und Gott es gut macht.

 

Die Alten sagten dazu: Versöhnung. Reconciliation. La réconciliation.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Josefstal, Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit)