Fünferlei Etüden für den Rand bewohnbarer Welten

 

I

Josefstal ist,

wo Bäume beten,

Krähen kreischen und Jugendliche auf Kinderspielplätzen,

doch auf dem Flur, da ziehen sie die Schuhe aus – heiliger Boden?

Josefstal ist,

auf den Gipfeln den Schnee zu sehen und gleichzeitig unten das Tanktop herauszuholen,

wo Bäche und Blätter rauschen und Busse Dich direkt bis vor die Haustür fahren.

Ich aber,

ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

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II

Josefs Tal ist,

wo Du die Kleinste bist,

obwohl Du doch gar nichts dafür kannst und trotzdem alle neidisch sind,

weil du ja, ach, immer die schönsten Kleider bekommst,

Neues, was nicht abgetragen werden muss, von all den großen Brüdern,

alle neidisch sind,

weil Du tanzen kannst, oder auf Bühnen reden, oder schlaue Sachen sagen, in die Ferne mit dem Rad fährst, oder es dich einfach traust, auch mal ‚Nein‘ zu sagen, auf dem 10-Meter-Turm.

Du kannst ja gar nichts dafür und landest doch ganz unten: Josefs Tal, hinabgestoßen, in diesen fiesen Brunnen mit Mauern ohne Halt, dort unten: Schlamm, muffig, kalt, kaum Licht. Finsteres Tal und Du fürchtest Unglück. Denn Du weißt gar nicht wie und vor allem auch nicht warum. Weit, weit, weit hebst Du Deine Augen, um zu den Bergen aufzusehen.

 

III

Josefs Tal-ent ist das Zimmern: Haus gebaut, alles Eigenleistung, Heimat. Endlich. Welt geordnet.

Und bald soll geheiratet werden, Maria.

Wenn doch mal alles wäre, wie man so sagt, wie es sein soll. Geordnete Verhältnisse.

Und dann das: ein Kind. Das Kind eines Anderen.

Zu einer Nacht hätte er ja vielleicht nichts gesagt. Aber dann war da ja noch die Sache mit dem Engel und Gott und so und was soll man denn da dazu eigentlich noch sagen?

Josefs Tal: Ruf ruiniert. Nix mehr mit ehrbarem Handwerk.
Und keiner hebt seine Augen auf zu den Bergen. Nein, Gott, bleib mir nur fort! Das mit dem Engel in den eigenen vier Wänden war wirklich mehr als genug.

 

IV

Josefstal – Zuhause auf Zeit für uns. Zwischenstopp am Rande des bewohnbaren Bayern. Ein paar Schritte bergauf, dem entgegen, woher Du Hilfe erwartest.

Josefstal – wo Badezimmer Duschkabine heißen, Duschkabine Nizza und aus Delmenhorst stammen.

Dem Delmenhorst, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren und man überhaupt noch Postleitzahlen brauchte, weil man überhaupt noch Briefe schrieb.

 

Eine ferne Welt,

gefühlt doch fast so fern wie Josef aus Nazareth, der aus Bethlehem, der Stadt Davids, stammte, und wie Josef, der mit den vielen großen Brüdern, den es nach Ägypten verschlug, doch Gott –

 

Er gedachte es wohl zu machen, all diesen Menschen zwischen all diesen Welten wie wir.

Und wir träumen: in Delmenhorst von Nizza und in Josefstal von München und in Nürnberg von Lyon und – – –

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V

Plagiat ist auch nur ein Anagramm für Tal. Fast wenigstens. (Angelehntes Texten – ich erinnere nur mal dran…)

 

Quelle A – Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit, Haus B, Untergeschoss, rechts neben Zimmer 01:

 

„Was allen gut tut: Üben Sie! Unterlassen Sie! Benützen (benützen??) Sie! Zu Ihrer Sicherheit. Die Missachtung kann zu kostenpflichtigem Einsatz von Rettungskräften führen.“

 

Quelle B – Mündliche Unterweisung:

 

„Denkt an die Kinder. Rauchen nur zwischen Brücke und Straße. Auf der einen Seite Kinder, auf der anderen Seite Autos.“ Du hast die Wahl.

 

Beobachtung, notiert am 7. Mai 2018, 22.30-22.45h: keine Autos, keine Kinder.

 

Letzte Quelle – Duschkabine Nizza:

 

„Zigaretten bitte nur hier ablegen! Cigarettes only here please! Cigarette seulement ici s’il vous plait!“

 

Nizza-Orte: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf.

 

Epilog

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt. Nicht, weil es Pflicht wäre, sondern weil der Krieg lehrte, dass es diesen Ort braucht: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf, anderswo. Die Täler. Die Klagen aus den tiefsten Brunnen, aus Schlamm und Muff und dieser verfluchte Neid, das heimliche Staunen über spielende Halbwüchsige und die Augen, die die Berge suchen, zu denen sie aufsehen können.

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt, die Josefstaler, weil sie dem trauen und ahnen, dass Gott es gut macht.

Nizza-Orte, wo Bäume beten und Krähen kreischen und endlich Heimat ist und Du alles ablegen kannst und Gott es gut macht.

 

Die Alten sagten dazu: Versöhnung. Reconciliation. La réconciliation.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Josefstal, Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit)

 

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Studien über #Dinge – Polieren

Vom Trottoir geht es ein paar steile Steinstufen hinab und ich bin in einer anderen Welt. Selbst der Schall meiner Schritte – verschluckt von jahrhundertealten Mauern. Feucht und muffig wäre es wohl in diesem Keller nah am Hafen, wenn nicht moderne Technik dafür sorgte, dass es nicht so wäre. Die Zeiger der Temperaturfühler wie eingefroren auf den immergleichen Zahlen.

 

Ich treffe Anne. Dass mich interessiert, wie das genau geht, mit dem Zusammenhang von Handwerk und Kunst, überhaupt diese Sache mit den #Dingen, davon hatte ich ihr erzählt. Und von dem Gefühl, das, was jenseits der Zeit ist, zuhanden zu haben.

 

Wir treffen uns in ihrer Werkstatt. Ein paar Steinstufen unter und neben dem aufgeregten Leben in einer Stadt, in der Touristen im Zeittakt ihrer Urlaubsplanung Geschichte bestaunen, während Einheimische mit Fischen und Kleidung handeln, als sei gar nichts geschehen. Hinter jahrhundertealten Mauern nun – Annes Silberschmiede. Und die ihrer Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und –  „Man muss doch mit der Zeit gehen“, lächelt sie mich an, als ich mich ertappe, wie sehr mir das eine oder andere gefällt. Natürlich ist sie stolz.

 

Wir sind in Bergen. Seit mehr als 500 Jahren für die Verarbeitung von Silber berühmt. Für den Handel berüchtigt. Hanseregeln. Manche sind reich, Viele arm. #Dinge an der Schnittstelle privaten Lebens und öffentlicher Repräsentation; notfalls Zahlungsmittel. Und Anne sagt: „Na, wir haben ja auch wenig Anderes hier.“ Es ist ein fast außerweltlicher Glanz in einer im Grunde kargen Welt. Norwegen.

 

Und ich erzähle von meiner Arbeit, religiöser Kommunikation zwischen Deuten und Erleben. Von den Werkstätten von Worten, in denen gehobelt wird und Späne fallen. Von Ateliers und Kunst und der Person, die in der zeitgenössischen Theologie so im Fokus steht. Und ich beobachte Anne, wie sie durch Lupen schaut, sich konzentriert, den Werkstoff kennt und das Produkt schon sieht, bevor es da ist. Passungen im Nanometerbereich. Qualität durch Konstanz. Ganz feinen individuellen Handschriften, die sich dem Metall einprägen.

 

Die Werkstatt muss keine Möbelschreinerei sein, sie kann auch eine Silberschmiede sein. Und mir fällt ein, wie sehr dieser Ort zeitlos ist und wie sehr alles, was als Dienstleistung beschrieben werden kann, doch in Zeitintervallen messbar sein muss. Anne weiß das natürlich auch. Sie berichtet von Absatzschwierigkeiten und immer neuen Marketingstrategien. Sie weiß, dass eigentlich niemand braucht, was sie herstellt. Und zugleich weiß sie, dass man brauchen sollte, was sie herstellt. Jetzt lächele ich. Diese Sache mit der Funktion entfunktionalisierter Religion, denke ich.

 

Anne nimmt ein weiches Tuch aus einer Schublade und poliert das Werkstück, das sie gerade vom Schraubstock befreit hat. Das hat System. Und doch ist jedes Teil anders, ein bisschen Unikat, sagt sie. Ich weiß, was sie meint. Alles ein bisschen besonders und dann doch durch Regelhaftes, Gewohntes und Gewusstes erklärbar und nachzuvollziehen. Qualität erzwingt Standardisierung. Berufsförmigkeit erzwingt Standardisierung. Etwas wiederzuerkennen, in einer Welt, die sich ständig zu verändern scheint – ach, das wäre schön.

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Mir fallen die großen Feste meiner Kindheit ein. Als das Silberbesteck aus schwergängigen Schubladen geholt wurde, aus dunkelgrünen Filzbetten ans Tageslicht kam und sich zeigte, dass all dies nichts half, um den alltäglichen chemischen Austauschbeziehungen zwischen den #Dingen und der sie umgebenden Welt Einhalt zu gebieten. Die stundenlange Geduldsarbeit, Messern, Gabeln, Löffeln, Löffelchen und allem, was so rings um die Gedecke gehört, durch Reibung alten Glanz zu verleihen, wurde Kindern zugemutet. Und wenn alles nichts half, vertrieb der Geruch chemischer Tauchbäder aus mehrwandigen Flaschen mit schwarzen Kreuzen auf orangefarbenem Grund den Rest aller Dinge, die nicht waren, wie sie sein sollten. „Aber gesund ist das nicht“, sagte Oma dann mahnend.

 

Ich schaue in Annes Auslagen und wünschte mir, wir wüssten wieder, wo wir das theologische Silberbesteck finden. Wir würden die schwergängigen Schubladen aufziehen und die Filze zur Seite ziehen. Die Silberschmiedin sieht ihr Werkstück, bevor es fertig ist. Weil sie es bei ihren Vorfahren so gesehen hat, in deren Händen, in deren Notizbüchern, in deren Erzählungen. Ich hingegen poliere auf Verdacht. Oft nicht mehr als auf eine Ahnung hin. Doch mit einer Regel: Ich höre erst auf, wenn alles glänzt. Wenn ich irgendetwas entziffern kann. Wenn ich die #Dinge gern wieder zur Hand nehme und zwar auch so, dass sie mir im Alltag berufsmäßiger religiöser Kommunikation zuhanden sind. Wenn sie aus sich selbst heraus wirken können.

 

Polieren ist das A und O, sagt Anne. Erst dann siehst Du, ob es passt. Erst dann entsteht diese Faszination an dem, was über Jahrtausende in der Erde verborgen war. Ich tue etwas und doch handelt auch ein Anderes. Wasser auf den Mühlen ‚objekt‘-orientierter Handlungstheorien, denke ich bei mir und schiebe das doch für den Moment schnell beiseite. Und ich erzähle Anne von den vielen Alltagsentbergungen, die wir in den Kirchen machen. Und dass es viel mehr sein müssten. Und wie selten ich mich frage, wie viel Glanz da eigentlich noch sein könnte, in all diesen Ecken und Pfützen und den Debatten vor halbleeren Tiefkühlregalen am späten Samstagabend. Ja, sagt Anne, ich könnte nicht leben, wenn ich nicht darauf vertraute, dass da immer noch etwas ist. Und eine Zeitlang – ohne Zeit – sagen wir nichts. Stille breitet sich aus unter dem leisen Surren von Maschinen im Hintergrund. Ich sehe zu, wie Silberring und Lappen zwischen Annes Händen tanzen und sie hört der Feder zu, die sich die Linien meines Notizbuchs erobert. Und am Ende kaufe ich ihr etwas ab, wofür ich wohl nie Verwendung haben werde. Doch es bedeutet. Es ist handwerklich perfekt. Es verweist. Es ist Kunst. Ich hätte es nie selbst herstellen können und ich hätte es niemals, wenn es nicht diesen Nachmittag in einer Kellerwerkstatt in Bergen gegeben hätte. Ich sehe Anne an, dass wir das Gleiche meinen könnten.

 

Ich steige die Stufen wieder hinauf. Menschen gehen vorbei. Meine eigenen Schritten erobern sich ihren Trittschall zurück. Über dem Berger Hafen geht die Sonne unter. Glanz tanzt über den Wassern und erleuchtet die beginnende Nacht. Aus den Ecken scheppert Tanzmusik aus billigen Radios und in den Pfützen spiegeln sich die müden Gesichter der Fischer, die am Kai Bier und Zigaretten teilen, während Touristen Fotos von Fischplatten bei instagram ablegen.

 

 

 

Fotocredit: „Sølvskatten“, KODE 1/ Kunstmuseer, Bergen/ Norwegen;  Politur (vorher/ nachher) – beide: Friederike Erichsen-Wendt

 

tänzele/ zwischen Sprache und Schweigen

 

zu: SAID, ich jesus von nazareth, mit einem Nachwort von Erich Garhammer, Würzburg 2018.

 

Die Überlieferung von Jesu Passion provoziert vielfältig neue Worte: Musik, Nacherzählungen, Lyrik. Da Gleichursprüngliche, der historische Angelpunkt der Jesusfigur ist ein Ereignis, keine literarische Überlieferung. Von Beginn an ist die Literalität Jesu mehrstimmig: In vier kanonischen und zahlreichen späteren Evangelien wird von Jesu Leben und Wirken berichtet. Diese Erzählproduktivität hält an. Unter dem Einfluss didaktischer Konzepte des 20. Jahrhunderts ist die Menge religiöser Gebrauchs- und Erbauungsliteratur, die sich des „Jesusstoffs“ annimmt, unübersehbar geworden.

 

Anlässlich eines Vortrags auf dem Katholikentag in Hamburg 2000 hat der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen gezeigt, inwiefern die jeweils gezeichneten Jesusbilder in einem hohen Maße Projektionen ihrer Autoren sind. Als solche entfalten sie in ihren je aktuellen Diskurszusammenhängen Produktivität.

 

Auf diesen Vortrag verweist jüngst auch der emeritierte katholische Pastoraltheologe Erich Garhammer in seinem Nachwort zum jüngst erschienenen „Jesus-Buch“ des iranischen Schriftstellers SAID, der seit 1965 im Exil in Deutschland lebt. Es handelt sich in der Form um eine fingierte autobiografische Retrospektive. Garhammer erinnert die Leserin resümmierend: „Jede Form von Eingemeindung Jesu muss also letztlich scheitern. Ein Jesus ohne Fremdheitszumutung, ohne befremdliche Wirkung ist letztlich austauschbar.“ SAIDs kurzer Essay stellt sich eben diesem Dilemma, Worte zu finden, ohne „einzugemeinden“. In dieser Hinsicht ist der Text wirklich bemerkenswert. Selbst Kategorien, die ihre eigene Überschreitung bereits in sich tragen, treffen auf diese Darstellung nicht zu: Dieses Buch ist anders als skandalös, anders als fremd, anders als vertraut. SAID nutzt wohlbekannte Worte, stellt radikale Anfragen, rückt mit einem fremden Jesus nah an die Leserin.

Ein Jesus, der angesichts lauten gesellschaftlichen Rauschens nicht verstummt, sondern eindrücklich ruft. Ein Jesus, bei dem Zärtlichkeit und Zorn in ein Wort passen. Und Freiheit und Liebe im Zusammenklang sich wortwörtlich in Seelen ein Zuhause suchen.

Insofern gibt SAID in diesem Buch etwas von dem weiter, was er von sich selbst im Blick auf Religion sagt:

Was der Mensch braucht, weiß ich nicht. Ich bin kein Prophet. Ich übe keine Religion aus und habe auch nie eine ausgeübt. Ich habe meine Religiosität mit Mühe und Not gegen die Barbaren gerettet, die im Namen eines Gottes regieren. Aber ich glaube, dass der Mensch etwas in diese Richtung braucht. Man kann es Spiritualität, Religiosität oder wie Max Weber „religiösen Musikalität“ nennen. Ein Schwingen, etwas was in uns ist, und auf etwas anderes zielt.“ (im Interview mit Eren Güvercin am 2. Juli 2010 für das Internetportal der Deutschen Welle „Qantara“)

 

SAIDs zornigzärtliches Jesusbuch entkommt nicht der Projektionslogik, die für die historische Jesusforschung gezeigt werden konnte. Es zeigt eindrücklich, wie sie auch für die dezidiert literarischen Formen gilt. Für dieses Buch ist es gerade eine Stärke. Eine provokante Spiritualität reformuliert sich im Duktus einer Erzählung unserer eigenen Denk- und Glaubenstradition. Ein besonderer Spiegel von außen. Auch eine hohe Wertschätzung, die der jesuanischen Tradition des Christentums da von außen entgegengebracht wird. Dadurch wird diese Tradition neu und relevant. Manche theologiegeschichtlich längst überholte These (etwa die der cooperatio Jesu und Judas‘) ist so formuliert, dass sie noch einmal neu zum Denken anregt. Es ist eine fast vergessene Spielart von rechter Lehre, deren Normativität hier nahegelegt wird. Leser und Leserinnen sind gleichsam gezwungen, sich dazu in ein Verhältnis zu setzen: „mir gehen keine engel voraus, die euch warnen. meine engel, die ich seit meiner kreuzigung auf die erde geschickt habe, weinten vor verzweifelung, als sie mir von euch berichteten“ (7). Der Text ist – gerade in Konstellation zu derzeitiger Lehrbildung innerhalb der christlichen Theologie – eigentümlich theologieproduktiv, obwohl oder indem er gerade keine Ansatzpunkte für christologische Überlegungen anbietet.

 

SAID, über den Nina Fargahi ein eindrückliches Porträt geschrieben hat (NZZ vom 27. November 2015), hat Europa einmal als Ort der Freiheit, aber auch der Einsamkeit beschrieben: Diese mutige und anstößige Rekonstruktion der Jesusgeschichte zeugt von dieser Freiheit, nach neuen Bedeutungen zu suchen. In ganz naher, völlig unverbrauchter Sprache. Und sie zeugt von der Einsamkeit, in die Menschen gestellt sind, wenn sie ihre Wahlheimaten mit je eigenen Worten einkleiden müssen: „ich wandere stets und brauche für meine wege unerschütterliche weggefährten.“

Ein provozierendes Buch: nachdenkliche, spirituelle Worte, Worte, die weiterentwickelt werden wollen.

 

 

Fotocredit: Radio Vatican (bearbeitet)

Ein Produkt. 4 Dinge

für: „8. Internationales Bugenhagen-Symposium. Predigt in Akademie und Atelier – Wie dramaturgisch ist die Homiletik?“, 7.-9. März 2018 in Braunschweig.

 

„Predigen, Predigtlehren und wohl auch Predigthören braucht Visionen.“ Geklauter Einstieg, ob man Autoren namentlich nennen darf? Schauen Sie in ein 160seitiges Buch auf Seite 149: Ausblick, bis 151 übrigens, anschließend Literatur, Nachtrag, Liste. Ausblick also, aus Atelier and Akademie.

 

Jeder beginnt mit biografischen Einstiegen. Wohl nicht umsonst. Ich nicht. Außer, dass mir an Atelier und Akademie wohl das „und“ am vertrautesten ist. Ein guter Ort, dieses Dazwischen. Nice Place, sagen wir auf dem Campus in Hofgeismar.

 

Ding 1.

Eine Welt, in der alles Platz hat. Alle Dinge. Selbst die, denen Fremdes irrelevant gilt. Wenn wir uns dies vorstellen – kann es wahr werden? Die Dinge entscheiden keine Kontroversen, sondern rufen neue hervor. Nähmen wir mal an, nur für gerade und jetzt, Rhetorik und Rezeptionsästhetik reichten sich die Hand: Welche neuen Fragen rufen, wenn Text für sich, für Dich, für mich gemeinsam am Bistrotisch stehen?

Sie rufen heraus, provozieren, falten die Welt so, dass wahrhaft Neues entsteht. Inmitten dieser Fragen entstehen Verbindungen, Fäden, Netze – verbunden, gehalten, verstrickt.

 

Ein Familientreffen eben. Verstrickt gehalten. Von Fragen, Leuten, Texten, Erzählungen, Methoden, vielen schwarzen Mänteln, Altarbildern, Klaviersonaten, Kanzelstufen, Liturgien, Sprachen, Rotwein und Schwarzbrot. Und schließlich sogar Pudding.

Aus verschiedenen Gründen haben sie sich zusammengefunden.

In Bruno Latours Parlament der Dinge sitzen sie alle da, manche ruhig, manche impulsiv, doch jedes hat eine Stimme: Fragt an, würdigt, lockt Impulse hervor.

Alle mit Geheimnissen. Und alle im Geheimnis.

Familienähnlich.

 

Und Johannes, der mit all dem die Kirche ordnete, sitzt dort oben in der Stube – natürlich nicht wörtlich, sondern genau dort, wo das Wort dann zu Wörtern gerinnt. Und er schreibt, was er sieht und was sich webt, flüchtig zerbrechlich und reißfest, in Gottesworte.

 

Ding 2

Die Vorhaben der Fraktion Mensch. Was sollen wir getan haben?

Wissenschaftsfolgeforschung.

Pfarrhausmusiksoziologiebetrachtung.

Kleine Feier, mit Humor, ohne Festschrift, großes Symposium.

Buchwirkungen beschreiben.

Vor allem Männer reden über Predigten von vor allem Frauen.

Und streitet nicht um des Kaisers Bart!, rieten schon die Altrömischen.

Sucht die Gräber nicht dort, wo sie nicht zu finden sind.

 

Wir suchen Schnittstellen.

Interfaces, inter facies.

Austausch zwischen den beiden Seiten, die die Dinge einander zugewandt haben.

Wechselspiele zwischen Worten und Schaumstoff, Kohlenstoff und Texten, Digitalität und Ungesagtem.

Der Rest ist black box. Geheimnis.

Das ist bestimmt. Und der Rest ist offen.

Der Raum ist da. Und er ist begrenzt.

Gibt es ein With-in ohne With-out?

Ich schlage ein „Und-Paradigma“ vor.

Heiliger-Schrift-Raum mit einem Innen, das ein Außen nicht notwendig erfordert –

Um zu locken, zu bewegen, zu trösten, zu verstören, zu mahnen, zu verheißen.

Roadmovie auf Kanzeln und Kanzelrede on the roads. Mehrheitlich den ganzen Gottesdienst im Gepäck – mal so, mal so. Da ist auch noch Einiges zu klären.

Ob’s gelingt? Wenn denn eine ahnt: Es bringt sich ins Spiel, was uns spielen lässt. Notwendige Gelingensbedingung der Predigt: Gott.

Ob das hinreichend ist, bleibt strittig. Notwendigerweise?

Predigtmachen jedenfalls beschrieben in der Puffreiszone, zwischen todernst und heiter, manchmal humorvoll als Kehrseite des Erhabenen.

Kollegiale Beratung, anarchisch demokratisiert. Die Workshopleiterin aber sagte (sinngemäß jedenfalls): Nimm Deinen Seminarstuhl und geh: In den Garten im Herzen, auf die Märkte, an die denkmalgeschützten Bahnhöfe und in die Predigerseminare: Gibst Du mir Deinen Move? Ich geb Dir meinen. Handwerk verstehen.

Predigtlehren mit Methode, und ehrlich eingestandener Luft nach oben.

Predigthören im

 

Zitat: „Quartett wird meist mit einem Paket spezieller Motivkarten gespielt, … mit dem Ziel …, Zusammenhänge und Inhalte zu lernen. Es ist aber auch möglich, mit traditionellen Spielkarten zu spielen.“ Mischen, verteilen, erhalten, beginnen, fragen, herausgeben, fordern, offenlegen, gewinnen.

 

Und Vikar B. sitzt dort oben in der Stube und sucht, nach dem, was einander zugewandt ist und sich ins Bild setzt, angesichts des Geheimnisses. Auch das: Ein alter Brauch. Flüchtig zerbrechlich und reißfest, oft ringend.

 

Ding 3

Spielst Du eine Partie Bibel mit mir?

Schnittstelle Spielzone, konventionell erwachsenenpädagogisch gesagt: Lernzone, zwischen Komfort und Panik.

„Ich habe eine Predigt und muss die jetzt besprechen.“

„Ich habe noch keine Predigt und will mit Dir darüber sprechen.“

Predigen macht verletzlich oder es ist keine Predigt, weil der gnädige Gott auch „Nein“ sagen kann.

Selig, der sich nicht selbst verteidigt in seiner Angst vor der Theologie oder seiner Angst vor der Kirche, sondern

Dies eine hätte ich jedenfalls gern und zweierlei frage ich:

Woher diese Angst?

Und: Welche Vortragshermeneutik erzeugt eigentlich welche Wirklichkeitshermeneutik?

Diese Fragen hängen zusammen, doch das deute ich hier nur an.

 

Pfarrerin B. jedenfalls sitzt dort oben in der Stube und schreibt, oder schreibt nicht, blättert in Büchern und Leben und sieht dann und wann und plötzlich neu. Flüchtig zerbrechlich und reißfest fallen Wörter. Das Wort bleibt. Aus.

 

Ding 4

So gar nichts weiß ich über Dich. Du sitzt am Nebentisch, trinkst vom gleichen Kaffee und liest in anderen Büchern. Bist Du eigentlich einer dieser „Hörer“? Verstehe ich Dich aus dem Text – nur aus dem Text?

Wo sind die genuinen Orte, wo gehört werden will und soll und kann – und sehen wir diese Orte überhaupt angesichts unserer mehr oder minder expliziten Maßstäblichkeit der Kanzelrede?

Hörer und Orte zwischen Unsichtbarkeit und Verwertungslogik. Verschonen for Response. Seht sie und schont sie. Um unserer selbst willen. Schonen und schön sind nicht nur etymologisch Schwestern. Als seien die Dinge eingewickelt in ein Netz gottgewollter Dinge. Flüchtig zerbrechlich und reißfest. So viele Dinge seien vorbei, und doch sind sie ja da. Manche Hinterbänkler, manche irgendwo dazwischen, diese Theorien, die Vielen so lieb sind. Was bedeutet das eigentlich? Assortiert statt Aussortiert, annotiert und adaptiert.

Ach, wenn die Welt doch voller kleiner Etüden des Erzählens wäre! Vorübungen für Wunder versuchen. Das ist dann ganz einfach.

 

Dass es einmal „so spannend, so poetisch, so voller Prophetie, so mittendrin im Ereignis des Wortes Gottes (ist), dass selbst sechs dichte Wochen dafür nicht genug wären“ (ebd., letzte Seite). Ja, lieber Herr Nicol, sechs Wochen reichen dafür nicht. Es geht weiter.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Atelier [Detail], 2018)

 

 

 

Januargezwitscher gegen Winterschlaf, am 28. Januar 2018 gehört  

Derzeit experimentiere ich damit, welche Schreibstrategien, die literaturwissenschaftlich dezidiert mit Digitalisierungsbedingungen rechnen, sich für die Erarbeitung von Predigten eignen könnten. Da entsteht so Einiges. Unter anderem auch ein bisschen „Digitalisierte Homiletik“.

 

Der Livestream startet selbständig.

Ein Wahnsinniger, der zu Atheisten predigt – Tanzmariechen mit Versagensangst.

Ich werde oft gefragt, nach welcher Methode und wie lange ich eine Predigt vorbereite. Ich glaube viel entscheidender ist die Einstellung bei der Vorbereitung.

Er geht zu den Flüssen und predigt den Fischen. @… predigt es ja schon lange, aber auch ich muss zugeben, dass man da echt viel lernt. Raus aus der Komfortzone. Negative Worte haben negative Auswirkungen. Was kann ich bewirken, der Wasser predigt und Cocktails säuft – in meiner unmittelbaren Umgebung, im Zusammenleben in der Familie, bei der Arbeit, in der Kirche?

Was von gestern, legendär: Er predigt allen Ernstes, Frauen, die Parfum benutzen, sollen 100 Peitschenhiebe bekommen. Männer sollen im Sommer zuhause bleiben.

Eine Predigt vom Leichtesten der Welt. kenne eine aus meiner berufsschule die mich jetzt hasst weil ich ihr ne predigt darüber gehalten habe dass sie mit dem hund so kaum beschäftigt/ klar sie kuschelt und hund ist heilig/ das ist einfach keine erziehung.

Mindestens acht Stunden investieren. In voller Länge. Es gibt doch viele Länder, in denen sogar die Regierung sowas predigt. Eine ganze Bibliothek zur Vorbereitung für die Predigt am Sonntag. Niemand will angeschrien werden.

Der wahrhaft Edle predigt nicht, was er tut, bevor er nicht getan hat, was er predigt. Konfuzius. Er predigt noch immer täglich. Und der Herr wir (!) durch uns bei der Predigt sprechen. (icon: brennende Kerze).

Bist du von Neuem geboren? Dann noch eine Predigt zum Hohelied. Neu, frei, leider noch keine Rückmeldungen. #waspfarrersomachen

Bei meiner Predigt, die heute im Seminar halten musste, hab ich mich das gefragt: Ob ich das wirklich glaube, was ich da erzähle.

Im Namen des heiligen Geistes. Bartimäus hatte ein Ziel. Welches Ziel hast Du?

Endlich netflix während der Predigt. Predigt und die dazu passenden Linktipps.

Gott: Wer zum Dienst an mir predigt, darf auch auf dem CSD tanzen.

Die komplette Predigt gibt es auf jeden Fall auch auf dem YouTube-Kanal des Bistums.

Kollekte: Bergedorfer Suppentopf.

Auf der Grenze von Leben und Tod steht ein Teller Erbsensuppe.

Für Vikarinnen und Vikare,

Mentoren und Mentorinnen,

Kurswoche „Bestattung“ –

Januar 2018.

 

Auf der Grenze von Leben und Tod steht ein Teller Erbsensuppe.

„Sie waren eben doch schon mal da“, sagt sie, ganz ohne Verwunderung, und ich nicke.

Manchmal braucht es einen Anlauf für‘s Grenzgängerische.

Kneipen an Friedhöfen in Großstädten sind Transitorte. Schnittstellen zwischen dem geschäftigen Leben da Draußen und der stillen Welt dort drinnen, hinter den Mauern. Umfriedete Welt.

Tische für 4 und 6 und 20 und für Dich allein.

Tischdecken in früher-war’s-mal-altrosa. In die Jahre gekommen, aber gepflegt. Goldglänzendes Mitteldeckchen, sorgsam ausgestrichen.

Darauf: Vollgetropfter Kerzenständer, Stabkerze weiß, zweidrittel abgebrannt.

Zuckerstreuer, Modell „Süßer Heinrich“, eine kurhessische Erfindung übrigens, aber das tut gar nichts zur Sache. Hier ist internationale Zone, Asylort.

Ein Ort für Grenzgänger und Aus-der-Welt-Gefallene. Sorgsam Sortiertes in Setzkästchen, gekämmte Hündchen und eine Speisekarte, wie Oma sie wohl hätte schreiben können: Toast Hawaii, Strammer Max, Milchreis mit Zimt und -.

Zuckerstreuer also, Glasväschen – 3 Nelken: 2 weiß, eine rot.

Brauereikühlschrank, gleichmäßig wummernd. Kalter Rauch.

Hier wird viel gesessen, viel Kaffee getrunken, viel geweint, viel geraucht.

An der Grenze von Leben und Tod, da steht sie mit kalt-rauchiger Stimme und nelkenrotem Rollkragenpullunder.

„Schnitzel ist aber aus“, sagt sie. Ich setze mich trotzdem.

An der Grenze von Leben und Tod hat jede ihren Platz:

Du schließt jemandem die Augen.

Dir schließt jemand die Augen. Dermaleinst.

Einer öffnet das Fenster.

Einer verhängt Spiegel und Bildschirme.

Und wir stehen auf und in dieser Grenze.

Statistisch betrachtet öffentlich 27 Mal pro Jahr in Kurhessen-Waldeck.

Und faktisch doch so viel öfter.

Menschen trauen uns Grenzfähigkeit zu.

Dass wir da sind.

Dass wir sprechen.

Und immer stehst Du ja auch selbst auf dieser Grenze.

Immer auch ein bisschen letztes Hemd an, und sei es, mit dem Cocktailglas in der Hand.

Und wenn es Taschen hätte – so wie wir es in dieser Woche gesehen haben -, was wohl drin wäre?

Wir nehmen mit.

Am Anfang des Jahres für das Ende des Lebens.

Das Ende des Lebens so vieler Menschen, die wir zum Grabe begleiten werden. In den verbleibenden Monaten des Gemeindevikariats, in den aufregenden ersten Amtswochen, in zusammengerechnet vielen, vielen Dienstjahren.

Es ist immer eine, um die es geht. Ein Leben, das nie vollständig übersehen sein kann. Ungeahnte Schätze und unabsehbare Abgründe. Es ist immer ein Leben. Und es ist immer auch mein Leben.

An der Grenze von Leben und Tod.

Da steht ein Teller mit Erbsensuppe. Nimm und iss, Du hast einen weiten Weg vor Dir.

So hören wir es mit den Worten unserer Tradition.

Ich nehme und esse und gehe.

So soll es auch für Euch sein: Nehmt. Esst. Geht. Und leben Sie wohl.